Wir sind die freie Welt

Jetzt, wo die Zeiten wieder kälter und kriegerischer werden, hört man den alten Spruch wieder öfter: wir sind die freie Welt.

Wenn ich solche Reden höre, muss ich mich unwillkürlich fragen: ist es wirklich schon genug, frei zu sein? Kommt es nicht auch darauf an, wofür man seine Freiheit nutzt?

Und wofür genau nutzen wir unsere Freiheit?

Wir nutzen unsere Freiheit, um die Erde unbewohnbar zu machen. Aber wir nutzen unsere Freiheit nicht, um für unsere Kinder eine bewohnbare Welt zu erhalten.

Wir nutzen unsere Freiheit, um uns für die Guten zu halten. Aber wir nutzen unsere Freiheit nicht, um zu erkennen, dass es Gutes und Schlechtes in jedem Menschen gibt.

Wir nutzen unsere Freiheit, um die Welt schwarz und weiß zu sehen. Aber wir nutzen unsere Freiheit nicht, um alle Abstufungen und Schattierungen zu erkennen.

Wir nutzen unsere Freiheit, um uns in Feindbilder hineinzusteigern. Aber wir nutzen unsere Freiheit nicht, um andere unvoreingenommen und realistisch zu betrachten.

Wir nutzen unsere Freiheit, um uns wegen unserer Werte für etwas Besseres zu halten. Aber wir nutzen unsere Freiheit nicht, um alle Menschen als gleichwertig zu akzeptieren.

Wir nutzen unsere Freiheit, um auf andere von oben herabzuschauen. Aber wir nutzen unsere Freiheit nicht, um allen Menschen auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen.

Wir nutzen unsere Freiheit, um die Menschheit zu spalten. Aber wir nutzen unsere Freiheit nicht, um mit allen Menschen zusammenzuarbeiten und gute Beziehungen zu pflegen.

Wir nutzen unsere Freiheit, um missliebige Länder zu destabilisieren und an politischen Pulverfässern herumzuzündeln. Aber wir nutzen unsere Freiheit nicht, um Frieden und Stabilität in der ganzen Welt zu bewahren.

Wir nutzen unsere Freiheit, um immer mehr Unsicherheit mit immer mehr Waffen zu schaffen. Aber wir nutzen unsere Freiheit nicht, um gute Beziehungen zu allen Ländern zu unterhalten und dadurch die Sicherheit aller zu verbessern.

Wir nutzen unsere Freiheit für die falschen Dinge, aber für die richtigen nutzen wir sie nicht. Doch sei’s drum. Wofür wir unsere Freiheit nutzen, ist ja nicht so wichtig. Hauptsache, wir sind die freie Welt.

Bezeichnend

Wir lesen überall von Politiker*innen und Bürger*innen, von Expert*innen und Leser*innen, aber so etwas habe ich noch nie gesehen: Friedensschwurbler*innen, Querdenker*innen und Verschwörungstheoretiker*innen.

Offenbar haben es Friedensschwurbler, Querdenker und Verschwörungstheoretiker nicht verdient, durch Gendern geadelt zu werden. Man muss gegenüber solchen Leuten eben die volle Verachtung zum Ausdruck bringen.

Rede eines Wahnsinnigen

Rauch stieg aus den umgebenden Trümmern. Der Wahnsinnige stand abseits eines endlosen Stroms zerlumpter Menschen, die zwischen den Ruinen hindurchzogen, und schrie: „Begreift ihr es denn nicht? Begreift ihr denn nicht, wer uns in diese Lage gebracht hat? Wer hatte den Anspruch, die ganze Welt zu führen? Und jetzt? Seht doch nur, wo ER uns hingeführt hat!“ Der Mann zeigte mit seinen zitternden, mit eingetrocknetem Blut verschmierten Fingern auf die Ruinen, die einmal eine Stadt gewesen waren. „Schaut doch nur, was uns SEINE Führung gebracht hat! Durch IHN ist Europa zu einem Schlachthaus geworden. Und unsere Politiker? Was haben sie getan? Haben sie unseren Kontinent gut regiert? Haben sie alles getan, um das hier abzuwenden? Ha! Von wegen! Sie haben jeden Gedanken an die drohende Gefahr weggeschoben und kräftig dabei mitgeholfen, den Kontinent in den Abgrund zu stürzen. Diese Jasager, diese Kriecher und Mitläufer, ohne ein eigenes Gehirn, immer nur darauf bedacht, ein trockenes Plätzchen in SEINEM Schatten zu finden.“

Der Wahnsinnige hielt inne und starrte die Vorbeiziehenden an. Er hoffte auf irgendeine Reaktion, auf irgendein geistiges Lebenszeichen, doch die Masse zog stumpfsinnig weiter, ohne ihn zu beachten. „Hört ihr denn nicht?“, schrie er wieder und wieder. „Hört ihr denn nicht?“ Er rannte an der Menschenkolonne auf und ab, er rannte und rannte und schrie. Doch es war vergebens.

Erschöpft von seinem inneren Schmerz und vom Hunger, sank der Mann auf die Knie. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer verzweifelten, gepeinigten Grimasse. „Hört ihr denn nicht?“ Seine Stimme war nun ganz schwach und leidend geworden. „Warum haben unsere eigenen Leute nur zugelassen, dass Europa zur Schlachtbank geführt wird? Warum?“ Tränen rannen über sein Gesicht. Vor seinem inneren Auge sah er seine Frau und seine Tochter, die beide nicht mehr waren. Der Rest seiner Worte ging in einem Wimmern unter.

So weit wird es schon nicht kommen!

Ich frage mich jetzt öfter dieser Tage, wie sich die Menschen wohl vor dem Ausbruch des 1. und des 2. Weltkrieges gefühlt haben. Ob sie sich genauso gefühlt haben wie wir uns heute? Ob sie auch dachten, dass es zu einem Krieg schon nicht kommen werde?

Ich höre in den Nachrichten, wie ein Schritt nach dem anderen zur weiteren Eskalation der Lage getan wird. Ich frage mich, ob die Menschen damals auch in den Zeitungen und Gazetten verfolgten, wie die politische Situation von Mal zu Mal schlimmer wurde. Erschraken sie auch jedesmal, wenn es wieder ein Stück brenzliger wurde? Und gewöhnten sie sich auch so schnell daran wie wir? Redeten sie sich auch so gerne ein, dass es trotz allem nicht zum Schlimmsten kommen werde?

Ich fürchte, unsere Fantasie reicht nicht aus, uns vorzustellen, was noch alles passieren kann. Und wie schnell.

Schmerzhafte Erfahrungen voraus

Es ist aus der menschlichen Geschichte offensichtlich, und auch jetzt ist es wohl wieder soweit: die Menschheit lernt vor allem durch Schmerzen, nicht durch vernünftige Überlegung. So muss jetzt also wieder eine Zeit der Schmerzen und der Tränen kommen. Ich hoffe nur, es trifft auch die Verursacher, damit der Lerneffekt endlich nachhaltig wird.

Die vierte Gewalt

Was tut die vierte Gewalt? Kontrolliert sie die drei staatlichen Gewalten, wie es uns die Schulbücher immer erklärt haben?

Das war einmal. Heute kontrolliert die vierte Gewalt weniger die Regierung, sondern vor allem die Bevölkerung und die Opposition. Sie tut dies, indem sie jeden, der es wagt, eine abweichende Meinung zu vertreten, auf den Richtplatz der veröffentlichten Meinung zerrt, ihn vor aller Augen einer peinlichen Befragung unterzieht oder gleich publizistisch hinrichtet.

Wie sehr ich mir doch wünsche, dass die Schulbücher von damals noch immer Recht hätten! Leider ist uns das aber nicht vergönnt. Poor us!

Wie sich die Geschichte wiederholt

Geschichte wiederholt sich nicht? Leider doch!

1914

1939

2022

Was ist gleich? Sesselfurzer in den Redaktionsstuben, die selber nicht an die Front müssen, schreiben begeistert für die militärische Lösung eines Konflikts. Und hinterher wollen sie es nicht gewesen sein. Wetten?

Sorry, ich meinte natürlich Sesselfurzer*innen.

Brücken bauen statt Gräben ausheben

Das Elend bei der aktuellen westlichen Strategie ist, dass niemand mehr auf die Wirkung von Reformen baut, die natürlich Zeit brauchen. Der Westen ist in seiner eigenen Eskalationsspirale gefangen und setzt offen oder verdeckt auf einen Regime-Change, letztlich eine revolutionäre Lösung. Aber revolutionäre Konzepte setzen immer auf Gewalt. Sie spielen mit vielen Unbekannten und mit dem Risiko des Chaos.

Die Erde in ihrem bedrohten Zustand braucht aber Reformen, braucht Kooperation über Gräben hinweg, braucht einen Abbau von Feindbildern. Diese Erde braucht eine Einbindung in eine gemeinsame Aufgabe, selbst mit denjenigen, mit denen wir so viele Differenzen haben.

Antje Vollmer

Fehlertoleranz

Fehler zu machen, ist ganz normal. Warum tun dann fast alle so, als ob sie niemals Fehler machen würden? Das ist völlig realitätsfern. Und auch ganz und gar unnötig.

Wir müssen im Leben akzeptieren, dass Fehler gemacht werden. Wir müssen fehlertoleranter werden. Fehler müssen behoben und die Folgen korrigiert werden, sie müssen auch durch günstige Rahmenbedingungen so weit wie möglich vermieden werden, aber wenn sie geschehen, müssen sie als etwas Normales und niemals ganz Vermeidbares hingenommen und korrigiert werden.

Freilich heißt das nicht, dass es in Ordnung ist, Fehler mutwillig in Kauf zu nehmen (etwa durch Schludrigkeit), oder Fehler sogar absichtlich zu machen (z. B. in Form von illegalen Handlungen), weil es dem Individuum gerade Vorteile bringt. Fehler sind nur dann akzeptabel, wenn sie trotz sorgfältigem und verantwortungsvollem Handeln und natürlich ohne Absicht geschehen.

Das bedeutet auch, dass Aktivitäten, die im Falle eines Fehlers zur Vernichtung der Menschheit führen können — ich denke hier insbesondere an die nukleare Abschreckung, oder an Biowaffenforschung –, gänzlich untauglich sind und schnellstens beendet werden sollten. Da Fehler immer möglich sind, ist bei solchen Aktivitäten auch die unbeabsichtigte Vernichtung der Menschheit jederzeit möglich. Wenn man es recht bedenkt, sind solche Verhaltensweisen ein gigantischer Irrsinn.