Damit der Mensch dem Menschen ein Mensch wird

Homo homini lupus, sagt ein alter lateinischer Spruch. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Da ist durchaus etwas dran. Der Mensch kann durchaus dem Menschen ein Wolf sein. Und nur allzu oft ist er es auch. Man könnte fast sagen: es ist die Regel. Solange es nicht weh tut und nicht viel kostet, können wir den Wolf in uns noch zurückhalten und uns ganz zivilisiert und menschlich geben. Aber wenn uns die Kosten zu hoch werden, geht es auch ganz schnell anders. Wenn es hart auf hart kommt, wird eben der Wolf von der Kette gelassen. Und es gibt nicht wenige, für die die Schwelle, ab der ihnen die Kosten der Menschlichkeit zu hoch werden, ziemlich niedrig liegt.

Ist es da nicht naiv, zu fordern, dass der Mensch dem Menschen ein Mensch sein soll? Geht es nicht an der Natur des Menschen gänzlich vorbei? Sollte man vom Menschen nicht Dinge verlangen, die eher seiner Natur entsprechen, und die er auch zu leisten imstande ist?

Solche Stimmen hört man immer wieder. Ich halte gar nichts von diesem Zynismus. Man darf es sich als Mensch nicht zu einfach machen. Die Messlatte tief hängen, nach dem Motto: es ist schon okay, auch mal ein Wolf zu sein — das kann jeder. Da gehört nicht viel dazu. Nein! Man muss sich selbst auch etwas abverlangen. Dass der Mensch dem Menschen ein Mensch sein kann, zeigen ja nicht wenige Beispiele. Es ist nicht unmöglich. Warum sollte man also nicht von einem jeden Menschen verlangen, sich wie ein Mensch gegenüber anderen Menschen (und im übrigen auch gegenüber Tieren) zu verhalten?

Freilich wird es nicht immer gelingen, die Schattenseiten des Menschen unter Kontrolle zu halten. Da darf man sich nichts vormachen. Als Humanist muss man auf das Gute im Menschen hoffen, aber mit dem Schlechten im Menschen rechnen. Ein Humanist ist kein Dummkopf, zumindest sollte er es nicht sein. Doch auch wenn Rückfälle in die Unmenschlichkeit jederzeit möglich sind, müssen wir trotzdem immer wieder versuchen, die Unmenschlichkeit zu bekämpfen, wo wir nur können. Auch und gerade in uns selbst.

Wir wollen auf Erden glücklich sein

Eine meiner liebsten Stellen aus Heinrich Heines “Wintermärchen“:

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ewgen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
das Eiapopeia vom Himmel,
womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Heinrich Heine

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn. 

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke
Spaziergang in Franken: Leider ist manche Gartenregierung totalitär und setzt alles daran, die Opposition auszulöschen.

Lebt in einem schönen Körper auch ein schöner Geist?

Wir verwenden extrem viel Zeit auf die Pflege von Äußerlichkeiten, während wir unserem inneren Zustand keine besondere Aufmerksamkeit schenken. Wir leben unter dem Regime eines Äußerlichkeitskults. Unsere äußere Erscheinung, die Kleidung, die Frisur, das Auto, das Haus — alles soll uns selbst gefallen und bei anderen einen guten Eindruck machen. Werbung und  Lifestylemagazine sind voll mit schönen, gepflegten Menschen, die in großzügigen, lichtdurchfluteten Wohnungen  oder an anderen schicken Orten für die Kameras posieren. Die Topmanager in den Chefetagen tragen feine Anzüge und edle Krawatten, sie fahren noble Autos, und ihre Frauen behängen sich mit exquisitem Schmuck und teuren Accessoires. Auch Politiker tragen gern schöne Anzüge und lieben es, in den Medien gut rüberzukommen.

An der Oberfläche ist bei uns viel los. Aber was tut sich darunter? Wie ist es um unseren geistigen Zustand bestellt? Lebt in einem schönen Körper mit einem schönen Outfit auch ein schöner Geist? Schön wär’s. Doch leider ist dem oft nicht so. Während reiche Frauen und Männer sich mit teurem Luxus umgeben, verhungern anderswo auf der Welt Menschen. Während Topmanager überlegen, welche Farbe ihr nächster Sportwagen haben soll, werden Arbeiter auf die Straße gesetzt, weil ihre Fabriken nicht genug Gewinn abgeworfen haben (wofür bekanntlich die Manager verantwortlich sind, und nicht die Arbeiter). Und mancher ordentlich und gepflegt aussehende Politiker gefällt sich darin, den Hass auf Minderheiten oder auf den vermeintlichen Feind im Ausland zu schüren und Menschen in Gefängnissen verschwinden zu lassen.

Nichts gegen ein schönes und gepflegtes Äußeres, wenn man es damit nicht bis zur Manie übertreibt. Aber noch wichtiger als das äußere Erscheinungsbild ist ein schöner und gepflegter Geist, ein Denken und Fühlen jenseits der geistigen Abgründe halbwilder Menschenfresser. Ein aufrechter Mensch zu sein, der nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist, der Mitgefühl hat mit anderen, der seinen Verstand benutzt und ahnt, dass er mit allem falsch liegen kann, was er denkt. Der deshalb tolerant ist gegenüber Andersdenkenden, aber auch Härte zeigt gegen die Intoleranz, deren Ziel das Ende aller Toleranz ist, und gegen die Unmenschlichkeit.

Menschen solchen Schlages bräuchten wir dringender als alles andere. Doch leider sind sie dünn gesät. Die Welt ist in der Hand von verkappten Menschenfressern, die sich nach außen wie gute und feine Leute geben.

Verschwörung oder nicht – das ist hier die Frage

Der Glaube an Verschwörungen steht zu Recht in der Kritik. Skepsis gegenüber Verschwörungstheorien ist mehr als angebracht. An jede Verschwörung zu glauben, die man im Internet findet, ist dumm und leichtgläubig. Aber genauso dumm ist es zu glauben, jede Verschwörungstheorie sei falsch und an den Haaren herbeigezogen, nur weil es darin um eine Verschwörung geht. Verschwörungen sind naturgesetzlich nicht unmöglich, und berücksichtigt man die Natur des Menschen (insbesondere seine Machtgier, seine Habgier und seinen leidenschaftlichen Hang zur Rechthaberei), so muss man davon ausgehen, dass es Verschwörungen auch heute gibt.

Eine Verschwörung besteht bekanntlich darin, dass sich Menschen im Geheimen zusammentun und einen Plan verabreden, dessen Umsetzung in der Regel ihrem eigenen Vorteil oder einer bestimmten, für richtig gehaltenen Sache dient, während er für andere Nachteile bringt. Solche Verschwörungen begleiten den Menschen durch seine Geschichte wie Lügen, Läuse und Kakerlaken. Sollte sich der Mensch so sehr gebessert haben, dass er den Verschwörungen inzwischen abgeschworen hat? Wohl kaum. Wenn also Leute bei sogenannten Verschwörungtheorien gerne abwinken und sie zum Lachen finden, muss ich an die folgende Szene auf einem Bauernhof denken:

Sagt ein Schwein zum anderen: „Hast Du schon gehört? Der Bauer steckt mit dem Metzger unter einer Decke. Er füttert uns nur, damit wir fett werden. Danach werden wir geschlachtet.“ Winkt das andere Schwein ab und sagt: „Ach, Du mit deinen Verschwörungstheorien.“

Das soll, wie gesagt, nicht bedeuten, dass an jeder Verschwörungstheorie etwas Wahres ist. Ganz und gar nicht. Aber an der einen oder der anderen könnten doch mehr Körnchen Wahrheit sein, als uns lieb sein kann.

Freilich darf man dabei nicht vergessen, dass es auch andere Mechanismen gibt, nach denen Menschen Gutes für sich selber (oder für ihre Herzenssache) und Schlechtes für andere tun. Die Verschwörung ist nur ein Mittel unter vielen. Neben der im Geheimen getroffenen Verabredung, dem dunklen verschwörerischen Plan, gibt es zum Beispiel auch noch die nicht verabredete, stillschweigende Kooperation. Dabei wirken Leute, die die gleichen Interessen oder die gleiche Ideologie teilen, in der gleichen Stoßrichtung zusammen, ohne das verabredet zu haben. Oftmals unterliegen sie dabei dem sehr praktischen Irrtum, dass das, was gut ist für sie selbst (oder für ihre Herzenssache), auch gut für alle sein muss. Zumindest ist das der Grund, mit dem sie ihr Handeln vor sich selbst und vor der Öffentlichkeit rechtfertigen. Sie reden sich selber und anderen ein, nur im Interesse des Ganzen zu handeln, und blenden dabei aus, dass es ihnen eigentlich zu allererst um sich selber oder um ihre persönliche Lieblingsideologie geht. Von solchem Gerede darf man sich nicht blenden lassen. Wir dürfen nicht vergessen, dass die expliziten Gründe, die Menschen für ihr Handeln nennen oder sich selbst gegenüber eingestehen, oftmals nicht die wahren sind.

Baum des Friedens unter den Religionen. Wir sollten noch mehr Bäume des Friedens pflanzen. Am Besten in den Hirnen der vielen kriegstreibenden Interessengruppen, die sich auf diesem kleinen, zerstrittenen Planeten um ihre Vorteile schlagen. Und nichts auf das Gewaltverbot der „Vereinten“ Nationen geben.

Der Nährboden, auf dem Vorurteile gedeihen

Das Gerede von der Lügenpresse macht deutlich: es gibt Menschen, für die alles eine Lüge ist, was nicht den eigenen vorgefassten Ansichten, aka Vorurteilen, entspricht. Das heißt nicht, dass alles richtig und objektiv wäre, was in den Medien veröffentlicht wird. Die gegenwärtigen Medien und ihre Macher kranken allgemein an einer fappierenden Distanzlosigkeit zu ihren eigenen Ansichten. Oft genug gerieren sie sich als Fahnenträger ihrer jeweiligen Lieblingsideologien, die alles, was in der Welt geschieht, durch ihre ideologische Brille betrachten und dann entsprechend darüber „berichten“. Aber gerade die sozialen Netzwerke, in denen oft der Vorwurf der Lügenpresse erhoben wird, leiden noch viel mehr unter dieser Krankheit. Sie frönen einer noch ungehemmteren Distanzlosigkeit zu ihren eigenen Ansichten als die von ihnen gehassten Medien.

Vorurteile und ideologische Ansichten sind weit verbreitet, gerade in den sozialen Netzwerken. Was kann man dagegen tun? Vorurteile basieren auf Unkenntnis. Ideologische Ansichten, bei denen es sich letzten Endes um so etwas wie übersteigerte, festgefahrene Vorurteile auf Ebene der Welterklärung handelt, ebenfalls. Unkenntnis ist der Nährboden, auf dem diese Krankheiten wachsen und gedeihen. Was an Kenntnis fehlt, wird ersetzt durch phantasierte Ansichten und Vorstellungen. Wer mit der Welt vertraut ist, muss seine Kenntnislücken nicht mit Vorurteilen und ideologischen Vorstellungen füllen. Wer einen Menschen kennt, der braucht keine Vorurteile über ihn. Deshalb ist das wirksamste Mittel gegen Vorurteile, die Welt und die Menschen kennenzulernen. Sich ein eigenes Bild zu machen, aus erster Hand, durch eigene Erfahrung.

Miteinander zu reden ist eine gute Medizin. Dabei wird man oft genug feststellen, dass die Welt und die Menschen ganz anders sind, als unsere Vorstellungen über sie uns weismachen wollten. Dann sehen wir vielleicht nicht mehr in jedem Reichen einen Unmenschen, sondern statt dessen in Menschen, die egoistisch nur den eigenen Vorteil suchen (egal ob oben oder unten). Man hält dann Arbeitslose nicht mehr für Faulenzer, sondern erkennt in einer faulen Haltung das Problem (egal ob unten oder oben). Dann wird ein Mensch, der vor Not und Gefahr geflohen ist, nicht mehr als gefährlich angesehen, sondern einer, der die Gesetze bricht (egal ob mit inländischen oder ausländischen Wurzeln).

Natürlich kann es auch sein, dass man im Einzelfall die Vorurteile bestätigt findet. Es gibt auch Arschlöcher auf der Welt, die genauso sind, wie wir uns Arschlöcher vorstellen. Aber nur weil es Arschlöcher gibt, heißt das noch lange nicht, dass alle Menschen welche sind. Auch nicht die einer bestimmten Gruppe. Und wer weiß? Vielleicht stellt sich bei dem Unterfangen, die Welt und die Menschen von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen, ja heraus, dass man selbst jahrelang ein kleines oder ein großes Arschloch gewesen ist. Das wäre dann ein erster, wichtiger Schritt auf dem Weg zur Besserung.