Rede eines Wahnsinnigen

Rauch stieg aus den umgebenden Trümmern. Der Wahnsinnige stand am Rand eines Treks zerlumpter und verdreckter Menschen, die mit gebeugten Häuptern durch die Trümmer zogen, und schrie: „Begreift ihr es denn nicht? Begreift ihr denn nicht, wer uns in diese Lage gebracht hat? Wir sind nicht trotz der Führung unseres Hegemons dahin gekommen, wo wir jetzt sind, sondern wegen seiner Führung. Wegen ihr! Sie ist die Ursache für das alles.“ Er zeigte mit seinen zitternden, schmutzigen Fingern auf die verkohlten Ruinen, die einmal eine Stadt gewesen waren. „Schaut doch nur, was uns SEINE Führung gebracht hat! Durch IHN ist Europa zu einem Schlachthaus geworden. Und unsere Politiker? Haben sie unseren Kontinent gut verwaltet? Haben sie alles getan, um die Gefahr abzuwenden? Ha! Sie haben jeden Gedanken an die drohende Gefahr weggeschoben und kräftig dabei mitgeholfen, den Kontinent in den Abgrund zu stürzen. Diese Jasager, diese Kriecher und Mitläufer, ohne ein eigenes Gehirn, immer nur darauf bedacht, ein trockenes Plätzchen in SEINEM Schatten zu finden.“

Die Masse zog stumpfsinnig weiter, ohne den Wahnsinnigen zu beachten. Der Mann sank auf die Knie, und sein Gesicht verzerrte sich zu einer verzweifelten, gepeinigten Grimasse. „Warum haben sie nur zugelassen, dass Europa zur Schlachtbank geführt wird. Warum?“ Tränen rannen über sein Gesicht. Der Rest seiner Worte ging in einem Gewimmer unter.

Soweit wird es schon nicht kommen!

Ich frage mich jetzt öfter dieser Tage, wie sich die Menschen wohl vor dem Ausbruch des 1. und des 2. Weltkrieges gefühlt haben. Ob sie sich genauso gefühlt haben wie wir uns heute? Ob sie auch dachten, dass es zu einem Krieg schon nicht kommen werde?

Ich höre in den Nachrichten, wie ein Schritt nach dem anderen zur weiteren Eskalation der Lage getan wird. Ich frage mich, ob die Menschen damals auch in den Zeitungen und Gazetten verfolgten, wie die politische Situation von Mal zu Mal schlimmer wurde. Erschraken sie auch jedesmal, wenn es wieder ein Stück brenzliger wurde? Und gewöhnten sie sich auch so schnell daran wie wir? Redeten sie sich auch so gerne ein, dass es trotz allem nicht zum Schlimmsten kommen werde?

Ich fürchte, unsere Fantasie reicht nicht aus, uns vorzustellen, was noch alles passieren kann. Und wie schnell.

Schmerzhafte Erfahrungen voraus

Es ist aus der menschlichen Geschichte offensichtlich, und auch jetzt ist es wohl wieder so weit: die Menschheit lernt nur durch Schmerzen, nicht durch vernünftige Überlegung. So muss also jetzt wieder eine Zeit der Schmerzen und der Tränen kommen. Ich hoffe nur, es trifft auch die Richtigen, damit der Lerneffekt endlich nachhaltig wird.

Die vierte Gewalt

Was tut die vierte Gewalt? Kontrolliert sie die drei staatlichen Gewalten, wie es uns die Lehrbücher immer erzählt haben?

Das war einmal. Heute kontrolliert die vierte Gewalt die Bevölkerung und die Opposition, indem sie jeden, der es wagt, eine abweichende Meinung zu vertreten, auf den Richtplatz der veröffentlichten Meinung zerrt, ihn vor aller Augen einer peinlichen Befragung unterzieht oder gleich publizistisch hinrichtet.

Wie sehr ich mir doch wünsche, dass die Lehrbücher noch immer ihre Gültigkeit hätten! Leider ist uns das aber nicht vergönnt. Poor us! — Wehe uns!

Wie sich die Geschichte wiederholt

Geschichte wiederholt sich nicht? Leider doch!

1914

1939

2022

Was ist gleich? Sesselfurzer in den Redaktionsstuben, die selber nicht an die Front müssen, schreiben begeistert für die militärische Lösung eines Konflikts. Und hinterher wollen sie es nicht gewesen sein. Wetten?

Sorry, ich meinte natürlich Sesselfurzer*innen.

Brücken bauen statt Gräben ausheben

Das Elend bei der aktuellen westlichen Strategie ist, dass niemand mehr auf die Wirkung von Reformen baut, die natürlich Zeit brauchen. Der Westen ist in seiner eigenen Eskalationsspirale gefangen und setzt offen oder verdeckt auf einen Regime-Change, letztlich eine revolutionäre Lösung. Aber revolutionäre Konzepte setzen immer auf Gewalt. Sie spielen mit vielen Unbekannten und mit dem Risiko des Chaos.

Die Erde in ihrem bedrohten Zustand braucht aber Reformen, braucht Kooperation über Gräben hinweg, braucht einen Abbau von Feindbildern. Diese Erde braucht eine Einbindung in eine gemeinsame Aufgabe, selbst mit denjenigen, mit denen wir so viele Differenzen haben.

Antje Vollmer

Fehlertoleranz

Fehler zu machen, ist ganz normal. Warum tun dann fast alle so, als ob sie niemals Fehler machen würden? Das ist völlig realitätsfern. Und auch ganz und gar unnötig.

Wir müssen im Leben akzeptieren, dass Fehler gemacht werden. Wir müssen fehlertoleranter werden. Fehler müssen behoben und die Folgen korrigiert werden, sie müssen auch durch günstige Rahmenbedingungen so weit wie möglich vermieden werden, aber wenn sie geschehen, müssen sie als etwas Normales und niemals ganz Vermeidbares hingenommen und korrigiert werden.

Freilich heißt das nicht, dass es in Ordnung ist, Fehler mutwillig in Kauf zu nehmen (etwa durch Schludrigkeit), oder Fehler sogar absichtlich zu begehen (z. B. in Form von illegalen Handlungen), weil es dem Individuum gerade Vorteile bringt. Fehler sind nur dann akzeptabel, wenn sie trotz sorgfältigem und verantwortungsvollem Handeln und ohne Absicht geschehen.

Zweierlei Menschen

Manche wollen die Wahrheit herausfinden. Andere wollen beweisen, dass eine bestimmte Sache wahr ist (weil sie daran glauben). Das ist natürlich ein gigantischer Unterschied. Während die einen offen für die Wahrheit sind, akzeptieren die anderen nur ein vorgefasstes Ergebnis. Sie akzeptieren nur die „Beweise“, die ihr von Anfang an gefasstes Vorurteil „bestätigen“. Alles, was dem widerspricht, wird einfach ausgeblendet und weggelassen.

Dass man Hypothesen gar nicht bestätigen kann, wird dabei geflissentlich ignoriert. Der unermüdliche Versuch der Falsifikation ist der einzig sinnvolle Weg zur Scheidung der brauchbaren Hypothesen von den unbrauchbaren. Dabei darf man nicht vergessen, dass selbst die Falsifikation keine absolut sicheren Ergebnisse liefert. Denn jede noch so gewissenhaft durchgeführte Falsifikation durch Auffindung eines Widerspruchs, der eine Hypothese widerlegt, wird sofort zu einer Erinnerung an eine Falsifikation. Und Erinnerungen sind prinzipiell unsicher. Sie sind grundsätzlich offen für Irrtümer oder gar Manipulationen.

Auch wenn das Prinzip der Falsifikation kein absolut sicheres Verfahren zur Gewinnung von Erkenntnissen liefert (noch nicht einmal in Bezug auf die verworfenen Hypothesen), ist es aus pragmatischen Gründen doch das beste, was wir haben. Jedenfalls besser als der irrationale Versuch, Hypothesen „bestätigen“ zu wollen. Darüber sollten wir nämlich längst hinaus sein.

Quizfrage IV

Was ist das größte Manko der Gegenwart? Antwort: Zu viel Subjektivität und zu wenig Objektivität.

Wenn sich das Subjekt subjektiv verhält, ist das keine große Kunst. Der Verlockung der Subjektivität kann man ganz leicht nachgeben. Nichts ist einfacher als das. Die Kunst ist, dieser Verlockung zu widerstehen und sich um Objektivität zu bemühen, auch wenn man sie nie ganz erreichen kann.

Letzten Endes bleiben wir immer Subjekte, und das ist auch nicht schlimm. Schlimm ist, wenn wir primitive Subjekte sind, die von Objektivität nichts wissen wollen, oder noch schlimmer: die ihre Subjektivität mit Objektivität verwechseln, indem sie ihre subjektive Sicht für objektiv wahr halten. Wir müssen Subjekte werden, die ihre Subjektivität zähmen, indem sie lernen, wo Subjektivität in Ordnung und wo Objektivität nötig ist.