Bildung für den Menschen

Was ist der Zweck der Bildung? Warum sollen Kinder in die Schule gehen und lernen? Wenn man viele Leute heute so hört, glaubt man, Bildung habe nur die Aufgabe, junge Menschen möglichst optimal auf eine Berufsausbildung und auf das spätere Berufsleben vorzubereiten. Das ist eine außerordentlich traurige Verkürzung.

Wir Menschen kommen als weitgehend unbeschriebenes Blatt auf die Welt, das sich im Laufe des Lebens füllen muss. Wir entwickeln uns das ganze Leben hindurch. Bildung soll uns dazu in die Lage versetzen, eigenständig über die Welt und unseren Platz darin nachzudenken, selbstbestimmt und verantwortungsvoll unser Leben zu gestalten, eine positive Wirkung auf das Leben unserer Mitmenschen zu entfalten und Verantwortung für das Ganze, für die Menschheit und die Welt, zu übernehmen. Uns Ziele zu setzen, für die wir uns einsetzen. Uns Werte zu geben, für die wir einstehen.

Auch Arbeit gehört zum diesem Leben dazu. Aber es ist bei Weitem nicht der wichtigste Teil. Wir bringen nur einen vergleichsweise kleinen Teil unseres Lebens damit zu. Gemessen an unserer Lebenszeit sind es in der Regel weit unter zwanzig Prozent, die wir für eine Erwerbsarbeit aufwenden.

Es wäre falsch, den Menschen auf die materielle Seite seiner Existenz zu reduzieren. Der Mensch ist mehr als ein Subjekt, das arbeitet und konsumiert. Wichtig ist, dass wir ganze Menschen sind. Die Arbeit gehört dazu, aber viele andere Aspekte noch mehr: Familie, Freundschaften, persönliche Entfaltung, gesellschaftliche Verantwortung. Bildung soll uns dazu verhelfen, dass wir ganze Menschen werden, dass alle positiven Facetten des Menschseins in uns reifen und schließlich zur Geltung kommen. Dass aus einem unbeschriebenen Blatt die Erzählung eines erfüllten Lebens werden kann.

Die Schlingpflanze ins Spalier zurückbinden

Man hört ja immer wieder, die Wirtschaft sei ein zartes Pflänzchen, und die Politik sei gut beraten, dieses zarte Pflänzchen nicht zu stören mit hässlichen Gesetzen und nervigen Spielregeln.

Und wenn es um Moral geht, heißt es: sich an moralische Grundsätze zu halten, müsse sich auch rechnen, und wenn es sich nicht rechne, müsse man halt leider, leider, leider auf Moral verzichten. Das zarte Pflänzchen der Wirtschaft muss eben unter allen Umständen geschützt werden.

Leute, die so reden, übersehen, dass aus dem zarten Pflänzchen schon längst eine üppig wuchernde Schlingpflanze geworden ist, die uns mehr und mehr erdrückt, während einige wenige ihre Früchte genießen können (obwohl auch sie vielleicht morgen schon zu den Erdrückten gehören werden). Wenn man die Pflanze lässt, erstickt sie den ganzen Planeten. Wenn sie hungrig ist (und das ist sie fast immer), verschmäht sie auch keine Menschen, denn sie gehört zu den fleischfressenden Arten. Und nicht selten frisst sie auch ihre Kinder. Denn wer heute noch von ihr genährt wird, kann schon morgen von ihr aufgefressen werden.

Es ist an der Zeit, die Schlingpflanze ins Spalier zurückzubinden und nicht mehr frei wuchern zu lassen. Damit wir alle von ihren Früchten leben können, und niemand mehr von ihr erdrückt oder aufgefressen wird.

Verspürt ein Schwein im Schlachthof Angst?

Ich habe einmal einen Film über einen Schlachthof gesehen, in dem gezeigt wurde, wie Schweine getötet wurden. Ein Mann ging mit einer großen Elektrozange in einer Box mit mehreren Schweinen umher, packte mit der Zange ein Schwein nach dem anderen am Kopf und verpasste ihm einen Stromschlag. Die Schweine, die noch übrig waren, drängten sich panisch quiekend am Rand der Box und versuchten, so weit wie möglich von dem Mann wegzukommen. Das Geschrei war ohrenbetäubend, das kann man sich gar nicht vorstellen. Eine barbarische Szene, die ich so schnell nicht vergessen werde. Oder ist „barbarisch“ vielleicht ein unangemessenes Wort? Verspürt ein Schwein im Schlachthof tatsächlich bewusste Angst? Oder ist ein Schwein, wie manche Philosophen meinen, ein unbewusster biologischer Automat, der nur so tut als ob?

Die Vorstellung darüber, inwieweit das Bewusstsein im Allgemeinen und das Ich-Bewusstsein im Besonderen unter den Lebensformen auf der Erde verbreitet ist, hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Noch vor hundert Jahren ist man einfach davon ausgegangen, dass nur der Mensch über ein Bewusstsein verfügt, und dass dadurch dem Menschen eine besondere, hervorgehobene Stellung im Tierreich zukommt. Freilich war das nichts weiter als eine aus den Vorurteilen der damaligen Zeit geborene Ansicht, die einer vorurteilsfreien Betrachtung nicht standgehalten hätte. Die Tatsache, dass auch viele Wissenschaftler diese Ansicht vertreten haben, zeigt nur, dass vorurteilsfreies Denken und Beobachten auch unter Wissenschaftlern nicht selbstverständlich ist. Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Sie sind keineswegs unfehlbar. Das Gleiche gilt damit auch für die Wissenschaft. Sie wächst auf dem Boden der Gesellschaft und ist empfänglich für ihre guten wie auch für ihre schlechten Eigenheiten.

Vor einigen Jahrzehnten kam dann der Spiegeltest, und die Vorstellungen insbesondere über das Ich-Bewusstsein wurden revidiert. Man hatte festgestellt, dass sich verschiedene Menschenaffen im Spiegel selbst erkennen und somit über ein Bewusstsein ihrer eigenen Person verfügen müssen. Man hat beispielsweise Schimpansen beiläufig Farbkleckse auf die Stirn gemacht und sie dann vor einen Spiegel gesetzt. Sie haben erkannt, dass das Gegenüber im Spiegel kein fremder Artgenosse war, sondern dass es sich um sie selbst handelte. Sie haben sich im Spiegel selbst untersucht, den Farbklecks auf der Stirn entdeckt und ihn regelmäßig weggewischt. Mittlerweile gibt es entsprechende erfolgreiche Versuche auch mit Elefanten und einer Reihe anderer Tierarten.

Seitdem wird der Spiegeltest oft als ein Test auf ein Ich-Bewusstsein betrachtet. Dabei wird jedoch regelmäßig übersehen, dass das Vorhandensein eines Ich-Bewusstseins alleine noch nicht ausreicht, um den Spiegeltest zu bestehen. Ein Ich-Bewusstsein zu haben ist keine hinreichende Bedingung für das Bestehen des Spiegeltests. Es erfordert neben einem Ich-Bewusstsein zusätzlich ein Mindestmaß an Intelligenz, um aus den Bewegungen und dem Verhalten des Gegenübers im Spiegel darauf zu schließen, dass es sich nicht um einen fremden Artgenossen handelt, sondern um die eigene Person. Wenn man zum ersten Mal im Leben vor einen Spiegel gesetzt wird, muss man zumindest auf phänomenologischer Ebene erst einmal erkennen, was ein Spiegel überhaupt ist. Dafür braucht man eine gewisse Intelligenz, die es erlaubt, zumindest rudimentäre logische Schlüsse zu ziehen.

Deshalb kann das Bestehen des Spiegeltests auch kein notwendiges Kriterium für das Vorhandensein eines Ich-Bewusstseins abgeben. Wäre das Bestehen des Spiegeltests ein notwendiges Kriterium für ein Ich-Bewusstsein, so würde das bedeuten: wenn ein Tier den Spiegeltest nicht besteht, dann hat es auch kein Ich-Bewusstsein. Das kann aber nach dem oben gesagten nicht richtig sein, denn ein Tier kann auch dann durch den Spiegeltest durchfallen, wenn es zwar über ein Ich-Bewusstsein verfügt, aber nicht über die notwendige Intelligenz, in der Situation vor dem Spiegel die richtigen logischen Schlüsse zu ziehen. Das heißt: aus dem Versagen eines Tieres, das sich im Spiegel nicht erkennt, kann man nicht schließen, dass dieses Tier keine wie auch immer geartete Vorstellung von einem eigenen Ich besitzt. Überhaupt ist davon auszugehen, dass es verschiedene Grade und Abstufungen von Ich-Bewusstsein gibt, die sich im Umgang mit der Welt unterschiedlich auswirken, und die daher auch nicht immer auf die gleiche Weise zu erkennen sein müssen.

Wenn das Bestehen des Spiegeltests schon kein notwendiges Kriterium für ein Ich-Bewusstsein ist, ist es dann wenigstens ein hinreichendes Kriterium? Genau genommen ist es auch das nicht. Denn es braucht nicht unbedingt ein Bewusstsein, um den Spiegeltest zu bestehen. Rein theoretisch könnte man auch eine unbewusste Maschine konstruieren, die den Spiegeltest erfolgreich absolviert. Der Spiegeltest ist eher ein hinreichendes (und notwendiges) Kriterium für eine bestimmte Form von Intelligenz, denn ohne die Fähigkeit zu logischen Schlüssen läuft vor dem Spiegel nichts. Es handelt sich also in erster Linie um einen Intelligenztest, den man bestenfalls als Indiz für ein Ich-Bewusstsein ansehen kann, aber keinesfalls als hinreichendes oder gar notwendiges Kriterium.

Das ist auch kein Wunder, denn wir können aus erkenntnistheoretischen Gründen niemals sicher wissen, ob ein anderes Lebewesen (und sei es ein Mensch) über ein Ich-Bewußtsein verfügt oder nicht. Es kann diese Gewissheit einfach nicht geben. Mit dieser prinzipiellen Unsicherheit müssen wir leben. Auch der Spiegeltest kann diese nicht aushebeln. Das heißt aber nicht, dass andere Lebewesen nicht über ein Ich-Bewußtsein verfügen. Es heißt nur, dass wir die Frage nicht mit Sicherheit entscheiden können. Trotzdem können wir eine begründete Annahme treffen, die bei Berücksichtigung aller Gesichtspunkte als die Vernünftigste erscheint.

Schließlich und endlich muss man betonen, dass der Spiegeltest überhaupt nichts darüber aussagt, ob ein Tier zu bewussten Wahrnehmungen und Empfindungen fähig ist oder nicht, was von der bewussten Wahrnehmung des eigenen Ich noch einmal zu unterscheiden ist. Ein Hund, der in seinem eigenen Spiegelbild nur einen Rivalen erkennt, den er anbellt, hat vielleicht kein Ich-Bewusstsein, vielleicht doch. Das lässt sich nicht entscheiden. Aber selbst wenn ersteres richtig ist, bedeutet das nicht, dass der Hund ein empfindungsloser Automat ist, der zwar jault, aber keine Schmerzen spürt, wenn man ihm auf die Pfoten tritt. Das Gleiche gilt auch für einen menschlichen Säugling, der sich im Spiegel genausowenig erkennt wie der Hund. Trotzdem gibt es keinen vernünftigen Grund, davon auszugehen, dass der Säugling ein bewusstloses Etwas ist.

Die Vorstellung von Descartes, der die Vivisektion, also das Zerschneiden von Tieren bei lebendigem Leibe, als Hobby betrieben und das Schreien eines Tieres bei eben dieser Prozedur mit dem Quietschen eines schlecht geölten Rades verglichen haben soll, habe ich schon immer für völlig absurd gehalten. Wir können aus erkenntnistheoretischen Gründen zwar nicht beweisen, dass ein Tier ein Bewusstsein hat, aber wir können auch nicht beweisen, dass das Gegenteil richtig ist. Wenn ein Schwein im Schlachthof alle Anzeichen von Angst und Panik zeigt, wenn seine Artgenossen neben ihm nacheinander mit Stromstößen traktiert werden, dann gehe ich davon aus, das dieses Schwein die Situation bewusst erlebt und dabei echte Angst empfindet. Nicht viel anders als ein Mensch, der sieht und miterlebt, wie um ihn herum Menschen getötet werden.

Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum nur der Mensch über ein bewusstes Empfinden verfügen sollte. Bewusstsein kann sich im Rahmen der Evolution nur entwickelt haben, wenn es eine Funktion erfüllt (oder einmal erfüllt hat), die sich positiv auf die Anzahl der Nachkommen auswirkt. Es ist kaum anzunehmen, dass sich das Bewusstsein erst mit den Primaten oder gar erst mit dem Menschen entwickelt hat. Es ist eher zu erwarten, dass es sich um eine sehr alte, schon lange vorher entstandene Gehirnfunktion handelt, die zumindest im Tierreich weit verbreitet ist.

Wenn wir also das nächste Mal mit einem Tier zu tun haben, sollten wir davon ausgehen, dass es bewusst erlebt, was wir mit ihm tun. Und wenn wir mal wieder ein Schnitzel auf dem Teller haben, sollten wir vielleicht einmal daran denken, dass ein Schwein nicht nur ein Haufen aus Fleisch und Knochen ist, sondern ein bewusst wahrnehmendes und empfindendes Lebewesen.

Murphys Gesetze der Philosophie

Es gibt keine Idee oder Vorstellung, für die man nicht mindestens einen Menschen finden kann, der glaubt, dass sie wahr ist.

Es gibt keine Idee oder Vorstellung, für die man nicht mindestens einen Menschen finden kann, der glaubt, dass sie falsch ist.

Unter denen, die man finden kann, ist jeweils mindestens ein Philosoph.

Aufstieg zur Burgruine am Ortseingang von Starkenburg an der Mosel (Foto: mit freundlicher Erlaubnis von LS).

Verschleppt und vertagt

Vor fast dreißig Jahren, im Jahr 1993, habe ich einmal für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) eine Broschüre zum Thema Energiesparen und erneuerbare Energien verfasst. Vor dem Hintergrund von Fridays for future habe ich diese Broschüre noch einmal aus dem Regal gezogen und mir zu Gemüte geführt. Sie zeigt auf frappierende Weise, dass wir heute im wesentlichen über die gleichen Umweltprobleme diskutieren und debattieren wie damals. Abgesehen von ein paar mühsam erkämpften Fortschritten, vor allem beim Schutz der Ozonschicht, hat sich im Vergleich zu damals nicht wirklich viel verändert. Die meisten Probleme wurden erfolgreich verschleppt und vertagt, allen voran der Klimawandel. Ich finde es ganz aufschlussreich, den alten Text heute noch einmal zu lesen, weshalb ich hier das Vorwort zu der Broschüre wiedergeben möchte. Damals hatte ich folgendes geschrieben:

Mögen Sie Kinder?

Hast Du einmal darüber nachgedacht, dass es Wichtigeres gibt als Geld, \ und Dir Sorgen gemacht über den Zustand unserer Welt?

Gedicht eines zwölfjährigen Kindes

„Die Mietsache ist schonend zu behandeln!“ – diesen Satz habe ich kürzlich auf einem Plakat gelesen, das unseren herrlich blauen Planeten vom Weltraum aus gezeigt hat. Die Erde als ein von uns nur gemietetes Haus, das an die Nachmieter, unsere Kinder, in einem bewohnbaren Zustand zu übergeben ist – wer würde diesem Bild nicht zustimmen?

Doch wenn es so weitergeht wie heute, dann sieht es nicht gut aus für unsere Nachmieter. All die Milliarden Tonnen Abgase, Abwässer, Müll und Beton, die wir Jahr für Jahr auf diesen Planeten loslassen, können nicht ohne Folgen bleiben. Angesichts zunehmender Landschaftszerstörung und Umweltverschmutzung werden immer öfter Eltern von ihren Kindern gefragt, wie es eigentlich auf der Erde mal aussehen wird, wenn sie erwachsen sein werden. Genau wie wir, haben auch unsere Kinder einen Anspruch auf saubere Luft, reines Wasser und giftfreie Böden, auf intakte Landschaften und ein erträgliches Klima. Doch dies alles gefährden wir durch unsere umweltbedrohende Lebensweise, und wir werden uns später nicht damit rausreden können, wir hätten von nichts gewusst. Wir wissen sehr genau Bescheid über Bodenversauerung und Grundwasservergiftung, über Müllberge und Naturzerstörung, über Ozonloch, Luftverschmutzung und Teibhauseffekt. Ständig wird in den […] Medien über Umweltprobleme berichtet; die Fakten liegen schon lange auf dem Tisch. Wenn wir nicht stumm dastehen wollen, wenn unsere Kinder einmal fragen, was wir für die Erhaltung einer gesunden Welt getan haben, dann müssen wir endlich handeln, anstatt über Umweltschutz immer nur zu reden.

Dies betrifft beispielsweise einen umweltschonenden Umgang mit Energie […]. Gewinnung, Transport, Umwandlung und Endnutzung unserer heutigen Hauptenergieträger – Öl, Gas, Kohle und Uran – führen zur Vernichtung ganzer Landschaften und zu enormen Umweltverschmutzungen. Die Emission von etlichen Milliarden Tonnen Schadstoffen und Giften führen über Luft, Böden und Gewässer auch zu gesundheitlichen Schäden bei uns Menschen. Ob Braunkohletagebau oder Öltankerunfälle, ob Atommüll oder Treibhauseffekt: die Menschheit befindet sich in Sachen Energie auf einem sehr gefährlichen und am Ende sehr teuren Weg.

Die Hauptverantwortung für diese Umweltschäden und ihre Folgekosten tragen dabei wir, die Bewohner der Industrieländer, wo 20 Prozent der Weltbevölkerung 80 Prozent der Weltenergie und -rohstoffe verbrauchen. Beispiel Verkehr: allein in einem Bundesland wie Nordrhein-Westfalen sind mehr Autos angemeldet als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent. Und wenn alle Menschen so viel Erdöl verbrauchen würden wie wir, eine im Überfluss lebende Minderheit, dann wären nach Angaben der UNO die gesamten Welterdölvorräte in nur viereinhalb Jahren aufgebraucht! Solange wir an unserem verschwenderischen Lebensstil festhalten, ist es das gute Recht der „restlichen“ 80 Prozent der Weltbevölkerung, die gleiche Lebensweise anzustreben. Dass das nicht gutgehen kann, liegt auf der Hand!

So wie bisher geht es einfach nicht mehr weiter, an dieser Tatsache führt kein Weg vorbei. Wenn wir den Ärmsten dieser Erde nicht das Recht absprechen wollen, ihren Energieverbrauch auf ein vernünftiges Maß anzuheben, dann müssen wir unseren Verbrauch auf ein ebensolches vernünftiges Maß reduzieren. Künftig müssen die Einsparung von Energie sowie die Nutzung regenerativer, das heißt erneuerbarer Energien wie Sonne und Wind mit allem Nachdruck verfolgt werden. Mindestens 50 bis 70 Prozent unseres heutigen Energieverbrauches könnten eingespart werden [durch energieeffiziente Technik, Anm. d. Autors]. Der Rest ließe sich mehr und mehr durch erneuerbare Energien ersetzen.

Gegen diese Kurskorrektur in Richtung Energieeinsparung und erneuerbare Energien wird häufig eingewendet, dass sich so etwas nicht rechnen würde. Tatsache ist aber, dass die Kosten für Energiesparmaßnahmen wie zum Beispiel Energiesparlampen, Wärmedämmung, Brennwertheizkessel und weitere, praktisch immer durch die eingesparten Energiekosten wieder hereingeholt werden. Für die Nutzung von Sonne, Wind & Co. trifft dies in vielen Fällen ebenfalls zu. In den Fällen, in denen heute eine Betriebswirtschaftlichkeit der erneuerbaren Energien noch nicht gegeben ist, kann sich das künftig mit steigenden Energiepreisen völlig ändern. Zudem kann man auch heute schon von einer vorsorgenden Wirtschaftlichkeit in dem Sinne sprechen, als wir mit der Nutzung erneuerbarer Energien den Menschen von morgen unberechenbare Folgekosten aufgrund von Klimaveränderungen und anderen Schäden an Umwelt und Gesundheit von vornherein ersparen. Die Erneuerbaren sind also am Ende wirtschaftlicher als die heutigen Hauptenergieträger, die horrende Kosten verursachen, die in den derzeitigen Preisen nicht enthalten sind. Eine Solar- oder Windanlage rechnet sich auf diese Weise jedenfalls eher als ein Zweitwagen, ein Zweiturlaub oder andere Dinge, für die bereitwillig viel Geld ausgegeben wird. Der Einsatz erneuerbarer Energien ist eine gut angelegte Investition in unsere ökologische und wirtschaftliche Zukunft: die Zukunft unserer Kinder.

Also: worauf warten wir noch? Es ist Zeit zu handeln – nicht übermorgen, nicht morgen, sondern heute!

(Aus: Frank Schäfer, Eine saubere Sache – Energiesparen, Sonne und Wind, Herausgeber: Landesverband Rheinland-Pfalz im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Osthofen, 1993).

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Soweit das Vorwort zu der Broschüre aus dem Jahr 1993. Wie der Text zeigt, war schon damals bekannt, welche technischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um der Klimakrise zu begegnen. Trotzdem ist viel zu zögerlich und zu halbherzig gehandelt worden. Auch heute hört man noch den dümmlichen Spruch, wir müssten noch auf neue Techniken warten, und die Kinder sollten doch Freitags in die Schule gehen, um Ingenieure zu werden und die Rettung ihrer Welt selbst in die Hand zu nehmen. Mehr Ingenieure wären gut, und weitere technische Möglichkeiten, insbesondere zur Energiespeicherung, werden auch gebraucht. Aber die vorhandenen technischen Mittel sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Es fehlt nicht an Ingenieuren und technischen Lösungen, um jetzt aktiv zu werden. Es fehlt an Einsicht und am politischen Willen, wirksame Maßnahmen zur Begrenzung des Klimawandels zu ergreifen. Wenn die Politik damals entschlossen gehandelt hätte, wären wir heute im Kampf gegen den Klimawandel schon wesentlich weiter. Wertvolle Zeit wurde vertan und verschenkt. Die jungen Menschen, die heute zu Recht protestieren, dürfen sich nicht mehr länger vertrösten lassen. Sie müssen von den Erwachsenen ein wirksames Handeln einfordern, statt die Sache weiter auf die lange Bank zu schieben. Und die Erwachsenen, die guten Willens sind, müssen sie darin unterstützen. Ohne massiven Druck wird sich hier gar nichts bewegen. Zu groß sind die Widerstände in der Politik und in Teilen der Bevölkerung, die am liebsten alles so lassen würden, wie es heute ist.

Uferpromenade am Lago di Garda im Sommer 2018.

Mehr Tage oder mehr Leben?

Man hört es immer wieder: man soll dem Leben nicht unbedingt mehr Tage geben, sondern den Tagen mehr Leben. Klingt nach einem guten Spruch. Aber wie so oft bei gut klingenden Sprüchen ist es doch so: nicht alles was gut klingt, muss auch gut sein. Oft genug schaltet bei einem gut klingenden Spruch der Verstand ab. Manchmal ist man so besoffen von dem guten Klang eines Spruchs, dass sein Wahrheitsgehalt zweitrangig wird. Da drücken wir dann alle Hühneraugen zu. Es klingt einfach so schön, dass man es mit der Wahrheit nicht mehr so genau nehmen muss. Unglücklicherweise ist vor allem die schreibende Zunft von diesem Phänomen betroffen. So wird so mancher Leser mit halbgaren „Weisheiten“ gefüttert, die leider nur gut klingen, aber nicht wirklich durchdacht sind.

Um zu dem Spruch am Anfang zurückzukehren: wieso sollte man sich darauf fokussieren, den Tagen mehr Leben zu geben, warum nicht auch dem Leben mehr Tage? Beides sollte man doch erstreben. Das eine wie das andere. Dem Leben mehr Tage und den Tagen mehr Leben. Jeder neue Tag ist eine Chance, das Glas des Lebens ein bisschen weiter zu füllen. Als Mensch weiter zu reifen. Und das sollte man tun, solange es irgend möglich ist.

Menschenkenntnis

Die Dänen sind geiziger als die Italiener. Die spanischen Frauen geben sich leichter der verbotenen Liebe hin als die deutschen. Alle Letten stehlen. Alle Bulgaren riechen schlecht. Rumänen sind tapferer als Franzosen. Russen unterschlagen Geld. Das ist alles nicht wahr — wird aber im nächsten Kriege gedruckt zu lesen sein.

Kurt Tucholsky

Ehrlichkeit ist eine Zier …

… doch besser lebt man ohne ihr?

Ein kleiner Beschiss geht immer. Nach diesem Prinzip leben nicht wenige Leute. Auch im Bürgertum, das sich oft so moralisch erhaben gibt, hat man ein Faible für diese heimliche Maxime. Für andere gerne mal Law and Order fordern, aber selbst bei der Steuererklärung a bisserl bescheißen — es gibt Leute, für die das kein Widerspruch ist. Manch einer betrachtet es quasi als einen Akt der Selbstverteidigung gegen einen als gierig empfundenen Staat.  Dabei ist es wohl eher der pure Egoismus und die nackte Habgier, die hier zum Vorschein kommen. Aber so viel Ehrlichkeit sich selbst gegenüber darf man getrost vergessen. Mit dem Bild vom gierigen Staat lebt es sich deutlich leichter als mit einem ehrlichen Selbstbild.

Oder ein anderes Beispiel: wenn einer in einer Prüfung betrügt oder bei der Doktorarbeit ganze Seiten bei anderen Autoren klaut, dann sollte man das doch nicht zu einem Problem aufbauschen. So etwas hat doch jeder schon mal gemacht. Und: Man sollte nicht alles auf die Goldwaage legen. Für derlei Vergehen hat man auch im Bürgertum gerne mal Verständnis. Ein kleiner Beschiss geht eben immer. Aber wenn einer im Laden etwas klaut, soll der Staat seine ganze Härte zeigen. Bescheißen dürfen eben nur die Besitzenden und „Gebildeten“. Die anderen sollen sich gefälligst an die Gesetze halten. Einer muss es ja schließlich tun, wenn man es schon selbst nicht macht.