Brücken bauen statt Gräben ausheben

Das Elend bei der aktuellen westlichen Strategie ist, dass niemand mehr auf die Wirkung von Reformen baut, die natürlich Zeit brauchen. Der Westen ist in seiner eigenen Eskalationsspirale gefangen und setzt offen oder verdeckt auf einen Regime-Change, letztlich eine revolutionäre Lösung. Aber revolutionäre Konzepte setzen immer auf Gewalt. Sie spielen mit vielen Unbekannten und mit dem Risiko des Chaos.

Die Erde in ihrem bedrohten Zustand braucht aber Reformen, braucht Kooperation über Gräben hinweg, braucht einen Abbau von Feindbildern. Diese Erde braucht eine Einbindung in eine gemeinsame Aufgabe, selbst mit denjenigen, mit denen wir so viele Differenzen haben.

Antje Vollmer

Fehlertoleranz

Fehler zu machen, ist ganz normal. Warum tun dann fast alle so, als ob sie niemals Fehler machen würden? Das ist völlig realitätsfern. Und auch ganz und gar unnötig.

Wir müssen im Leben, auch in der Politik und im Beruf, akzeptieren, dass Fehler gemacht werden. Wir müssen fehlertoleranter werden. Fehler müssen behoben und die Folgen korrigiert werden, sie müssen auch durch günstige Rahmenbedingungen so weit wie möglich vermieden werden, aber wenn sie geschehen, müssen sie als etwas Normales und niemals ganz Vermeidbares hingenommen und korrigiert werden.

Freilich heißt das nicht, dass es in Ordnung ist, Fehler mutwillig in Kauf zu nehmen (etwa durch ein schludriges Vorgehen), oder Fehler sogar absichtlich zu begehen (z. B. in Form von illegalen Handlungen), weil es dem Individuum gerade Vorteile bringt. Fehler sind nur dann ohne Weiteres akzeptabel, wenn sie trotz sorgfältigem und verantwortungsvollem Handeln und ohne Absicht geschehen.

Zweierlei Menschen

Es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen wollen die Wahrheit herausfinden. Die anderen wollen beweisen, dass eine bestimmte Sache wahr ist (weil sie daran glauben). Das ist natürlich ein gigantischer Unterschied. Während die einen offen für die Wahrheit sind, akzeptieren die anderen nur ein vorgefasstes Ergebnis. Sie akzeptieren nur die „Beweise“, die ihr von Anfang an gefasstes Vorurteil „bestätigen“. Alles, was dem widerspricht, wird einfach ausgeblendet und weggelassen.

Dass man Hypothesen gar nicht bestätigen kann, wird dabei geflissentlich ignoriert. Der unermüdliche Versuch der Falsifikation ist der einzig sinnvolle Weg zur Scheidung der brauchbaren Hypothesen von den unbrauchbaren. Dabei darf man nicht vergessen, dass selbst die Falsifikation keine absolut sicheren Ergebnisse liefert. Denn jede noch so gewissenhaft durchgeführte Falsifikation durch Auffindung eines Widerspruchs, der eine Hypothese widerlegt, wird sofort zu einer Erinnerung an eine Falsifikation. Und Erinnerungen sind prinzipiell unsicher. Sie sind grundsätzlich offen für Irrtümer oder gar Manipulationen.

Auch wenn das Prinzip der Falsifikation kein absolut sicheres Verfahren zur Gewinnung von Erkenntnissen liefert (noch nicht einmal in Bezug auf die verworfenen Hypothesen), ist es aus pragmatischen Gründen doch das beste, was wir haben. Jedenfalls besser als der irrationale Versuch, Hypothesen „bestätigen“ zu wollen. Darüber sollten wir nämlich längst hinaus sein.

Quizfrage IV

Was ist das größte Manko der Gegenwart? Antwort: Zu viel Subjektivität und zu wenig Objektivität.

Wenn sich das Subjekt subjektiv verhält, ist das keine große Kunst. Der Verlockung der Subjektivität kann man ganz leicht nachgeben. Nichts ist einfacher als das. Die Kunst ist, dieser Verlockung zu widerstehen und sich um Objektivität zu bemühen, auch wenn man sie nie ganz erreichen kann.

Letzten Endes bleiben wir immer Subjekte, und das ist auch nicht schlimm. Schlimm ist, wenn wir primitive Subjekte sind, die von Objektivität nichts wissen wollen, oder noch schlimmer: die ihre Subjektivität mit Objektivität verwechseln, indem sie ihre subjektive Sicht für objektiv wahr halten. Wir müssen Subjekte werden, die ihre Subjektivität zähmen, indem sie lernen, wo Subjektivität in Ordnung und wo Objektivität nötig ist.

Mehr Diplomatie wagen

Der Krieg darf kein Mittel der Politik sein. Es geht darum, Kriege abzuschaffen, nicht nur, sie zu begrenzen. Kein nationales Interesse lässt sich heute noch von der Gesamtverantwortung für den Frieden trennen. Jede Außenpolitik muss dieser Einsicht dienen. Als Mittel einer europäischen und weltweiten Sicherheitspolitik hat sie Spannungen abzubauen und die Kommunikation über die Grenzen hinweg zu fördern.

Willy Brandt in seiner Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises

Das war 1971. Und heute? Heute werden Militärexperten im deutschen Qualitätsfernsehen geradezu hofiert, wo sie einen Paradigmenwechsel hin zum Einsatz des Militärs als ganz normalem Instrument der Politik fordern dürfen, ohne dass kritisch nachgehakt wird. Gleichzeitig will Deutschland wieder Führungsmacht werden und zeigt einen geschichtsvergessenen Drang nach Weltgeltung, der schon eher an Wilhelm Zwo als an ein aufgeklärtes Land erinnert.

Und Europa? Sicherheitspolitisch hat Europa seit dem Ende des kalten Krieges gnadenlos versagt. Europäische Politiker/-innen haben den Kontinent unsäglich schlecht gemanagt. Wer kam nur auf die glorreiche Idee, eine europäische „Sicherheitsarchitektur“ unter Ausschluss von Russland aufbauen zu wollen, allein auf NATO und EU gegründet? Kam dieser grandiose Einfall womöglich aus Washington? Und warum zum Teufel waren unsere europäischen Politikgenies so amateurhaft dumm, bei diesem recipe for disaster mitzumachen? Hätten sie ihren amerikanischen Kollegen nicht einfach sagen können: vielen, lieben Dank, aber das hier ist unser Kontinent. Wir kümmern uns ab jetzt selbst darum. Der kalte Krieg ist vorbei, und wir wollen keinen neuen haben.

Aber auch ohne den negativen Einfluss aus den USA hätten es die EU-Größen vermutlich nicht besser gemacht. Ein selbstherrliches und selbstverliebtes Auftreten ist der EU leider alles andere als fremd, hinzu kommt ein mangelndes realpolitisches Vorstellungsvermögen, wo eine solche Politik hinführen kann. Die EU hätte es wohl auch ohne die USA geschafft, die Sicherheit des ganzen Kontinents zu zerrütten.

Zitat des Tages

Manchmal frage ich mich, ob die Welt von klugen Leuten regiert wird, die uns zum Narren halten, oder von Dummköpfen, die es ernst meinen.

Mark Twain

(Ich vermute, die Antwort ist kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.)

Deja-vu

Oder: Am Vorabend der Revolution, reloaded

Gespräch unter wohlsituierten Anhängerinnen der grünen Partei:

Sagt die eine: Du, ich habe gestern gehört, dass es im Winter wegen des Gasmangels kein Brot mehr geben könnte. Winkt die andere ab und sagt: Das macht nichts. Ich kann auch Kuchen essen.

Der Hafen von Lesa am Lago Maggiore (Sommer 2022). Ein Lied von Konstantin Wecker kommt mir dabei in den Sinn: Noch lädt die Erde ein, heißt es. Fragt sich nur, wie lange noch. Die Menschen sind ja eifrig damit beschäftigt, ihre eigene Zukunft zu verbrennen.

Planet der Lemminge

Wir erleben zur Zeit eine der selbstmörderischsten Generationen, die es je auf der Erde gegeben hat. Zwar sind wir mental gar nicht mal schlimmer als in den schlimmsten Zeitaltern vor uns, aber allein die technischen Mittel, die wir zur Selbstzerstörung haben und auch zu verwenden bereit sind, machen uns ziemlich einzigartig.

Wenn es in der Zukunft überhaupt noch Menschen auf diesem Planeten geben wird, dann nicht wegen uns, sondern trotz uns.

Fatal

Es war eine fatale Entwicklung, dass der Gattung Homo, und damit ausgerechnet den Affen, die Weltherrschaft in die Hände gefallen ist. Wie zu erwarten war, haben sie den ganzen Planeten in einen einzigen Affenstall verwandelt.