Ehrlichkeit ist eine Zier …

… doch besser lebt man ohne ihr?

Ein kleiner Beschiss geht immer. Nach diesem Prinzip leben nicht wenige Leute. Auch im Bürgertum, das sich oft so moralisch erhaben gibt, hat man ein Faible für diese heimliche Maxime. Für andere gerne mal Law and Order fordern, aber selbst bei der Steuererklärung a bisserl bescheißen — es gibt Leute, für die das kein Widerspruch ist. Manch einer betrachtet es quasi als einen Akt der Selbstverteidigung gegen einen als gierig empfundenen Staat.  Dabei ist es wohl eher der pure Egoismus und die nackte Habgier, die hier zum Vorschein kommen. Aber so viel Ehrlichkeit sich selbst gegenüber darf man getrost vergessen. Mit dem Bild vom gierigen Staat lebt es sich deutlich leichter als mit einem ehrlichen Selbstbild.

Oder ein anderes Beispiel: wenn einer in einer Prüfung betrügt oder bei der Doktorarbeit ganze Seiten bei anderen Autoren klaut, dann sollte man das doch nicht zu einem Problem aufbauschen. So etwas hat doch jeder schon mal gemacht. Und: Man sollte nicht alles auf die Goldwaage legen. Für derlei Vergehen hat man auch im Bürgertum gerne mal Verständnis. Ein kleiner Beschiss geht eben immer. Aber wenn einer im Laden etwas klaut, weil er kein Geld hat, es sich zu kaufen, soll der Staat seine ganze Härte zeigen. Bescheißen dürfen eben nur die Besitzenden und (Ein-)“Gebildeten“. Die anderen sollen sich gefälligst an die Gesetze halten. Einer muss es ja schließlich tun, wenn man es schon selbst nicht macht.