Selbsttäuschung

Wir glauben, wir wären gute und feine Menschen. Aber der Westen steht nur für eine kleine Minderheit auf dem Planeten, und die anderen kennen uns besser als wir. Im Gegensatz zu uns kennen sie unser wahres Gesicht. Sie haben nicht die Kolonialverbrechen vergessen, die von unseren Vorfahren begangen wurden, deren Früchte wir noch heute bereitwillig ernten, und denen wir die langen Hebel verdanken, mit denen wir die Geschicke der Welt stets zu unseren Gunsten verschieben. Sie kennen unsere Überheblichkeit, unser Erste-Welt-Denken, mit dem wir auf alle anderen herabsehen. Sie kennen unsere Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Not und unsere Bereitschaft, ihre Schwäche zu unserem eigenen Vorteil auszunutzen. Mögen unsere Zeitungsspalten und Fernsehkanäle noch so sehr von Selbstgerechtigkeit überquellen, wir können uns damit selbst täuschen, aber die Menschheit täuschen wir nicht. Wir können die Wahrheit verbiegen und verdrehen, aber die Wahrheit bleibt doch immer die Wahrheit. Statt uns in unseren eigenen Echokammern gegenseitig auf unserem falschen Weg zu bestätigen, sollten wir auf die Stimmen der anderen hören, die wir für eine Kurskorrektur dringend benötigen. Doch von so viel Realismus, von Vernunft ganz zu schweigen, kann keine Rede sein. Zwar berufen wir uns vollmundig auf Vernunft und Aufklärung, aber das sind nur hohle Phrasen. In der Tat sind wir für Vernunft und Aufklärung blind und taub. Schlimmer noch: wir sind die Akteure einer grassierenden Unvernunft, die den ganzen Planeten ökologisch, politisch und sozial an den Rand eines Abgrundes geführt hat. Nur ein falscher Schritt noch, und die ganze Menschheit stürzt in die Tiefe.