Ein falsches Versprechen

Neoliberalismus ist eine Form von Sozialdarwinismus. Sein Versprechen ist Freiheit. Aber die Wahrheit ist: es ist die Freiheit der Starken, nicht der Schwachen.

Mit anderen Worten: Alle sind frei. Aber manche sind freier.


Neoliberalism is a form of social darwinism. Its promise is freedom. But the truth is: it’s the freedom of the strong, not of the weak.

In other words: All are free. But some are more.

Kornblumen, gefunden am Rand meines Lebensweges. Jetzt sind sie ein Teil davon geworden.

Irgendwann …

Es wird eine Zeit kommen, wo National-Stolz eben so angesehen wird, wie Eigenliebe und andere Eitelkeit; und Krieg als Schlägerei.

Rahel Levin Varnhagen

Mittelmaß mit System

Wieder ein schönes Beispiel für den bedauernswerten Zustand der „Qualitätsmedien“ in Deutschland. Gestern rauschte eine Mitteilung des Bundesgesundheitsministeriums durch den Blätterwald, wonach von etwa 8 Millionen Menschen mit einer Zweitimpfung gegen das Coronavirus etwa 13.000 Menschen trotz Impfung positiv auf das Virus getestet wurden. Das entspreche einem Anteil von 0,16 Prozent, hieß es dabei.

Der Anteil von 0,16 Prozent ist zwar richtig, aber leider auch genauso nichtssagend. Wenn alle 8 Millionen Geimpfte mit dem Virus Kontakt gehabt hätten, wäre dieser Anteil aussagekräftig. Weil aber sicher nicht alle dem Virus ausgesetzt waren, sondern ein viel geringerer Anteil, ist die Zahl von 0,16 Prozent völlig nutzlos. Was soll man mit dieser Zahl anfangen? Schlimm genug, wenn das Ministerium solche Zahlen herausposaunt, wohl um zu suggerieren, dass die Zahl der Infektionen, zu denen es trotz Impfung kommt, vernachlässigbar ist. Dass aber selbsternannte „Qualitätsmedien“ die Zahlen einfach im Echomodus wiederholen und vervielfältigen, anstatt sie kritisch zu hinterfragen, ist wirklich ein Armutszeugnis.

Das Schlimme ist, dass man leider viele solche Beispiele finden kann, aufgrund derer man an der Qualität der Medien in Deutschland zweifeln muss. Die Mittelmäßigkeit hat System. Sie ist die Regel, nicht die Ausnahme. Hier und da gibt es unter dem ganzen Müll der Veröffentlichungen zwar auch noch Perlen, aber es ist schon mehr ein Glücksfall, wenn man auf solche stößt.

Kein solcher Glücksfall war der gestrige Abend. In einer Unterhaltungs-Talkrunde im öffentlich-rechtlichen TV wurde da dem erstaunten Zuschauer mitgeteilt, wie einer der anwesenden Talkgäste, ein junger Sänger, vor einigen Jahren auf die Idee kam, nackt eiszulaufen, weshalb er von der Polizei verhaftet wurde. Die Runde fand diese Anekdote ganz belustigend. Ich konnte dem nicht viel abgewinnen. Das war gebührenfinanzierte „Qualitätsunterhaltung“ auf leider billigem Niveau. Von einer preisgekrönten Moderatorin (das war sie) hätte ich mehr erwartet. Wenn die Gäste kein interessantes Gespräch hergeben, sollte man interessantere Gäste einladen, die wirklich etwas zu erzählen haben. Dann könnte man als Zuschauer oder als Zuschauerin nicht nur niveauvoll unterhalten werden, sondern dabei auch gelegentlich seinen Horizont erweitern. Leider gelingt das nicht mit 08/15-Personal, dessen größte Tat darin besteht, nackt von der Polizei verhaftet zu werden.

Zusammenhalten statt Menschheit spalten

Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie, noch bevor die erste Welle der Verheerung durch Europa rollte, waren im deutschen Blätterwald Stimmen zu hören, die die große Systemfrage aufgemacht haben: wer kann das heraufziehende Virus wohl besser in den Griff bekommen? Die liberalen Demokratien oder die autoritären Staaten?

Manch einer glaubte da wohl noch, dass die Demokratien bei dieser Gelegenheit ihre Überlegenheit in der Seuchenbekämpfung unter Beweis stellen würden. Dass diese dabei in ihrer überwiegenden Zahl grandios gescheitert sind, ist spätestens in der noch gewaltigeren zweiten Infektionswelle klar geworden. Das aber liegt nicht an der Demokratie als solcher, wie manche Machthaber auf der Welt schon genüsslich unken, sondern an dem Personal der jeweiligen Gesellschaften, das auf breiter Front kläglich versagt hat, von der Politik über die Medien und die Wissenschaft bis hin zur normalen Bevölkerung. Auch autoritäre Staaten können in der Pandemie scheitern (und tun es), während es Demokratien gibt, die in der Bekämpfung des Virus erfolgreich sind. Es hängt, wie so oft, an den Menschen, die an den entscheidenden Stellen sitzen. Sie entscheiden darüber, ob die Bedrohung von Anfang an ernst genommen wird, und ob frühzeitig und entschlossen konsequente Maßnahmen ergriffen werden. Wenn aber das Personal versagt, hat man von Anfang an verloren. Dann ist ein Land nämlich gar nicht erst auf das Problem vorbereitet, und wenn das Problem da ist, wird zu lange gezaudert und zu spät und zu schwach gehandelt. Das ist keine Frage von autoritär oder demokratisch. Das ist eine Frage des Realitätssinns und der Entschlossenheit. Beides kann und muss es auch in Demokratien geben. Schließlich ist eine Demokratie keine Schönwetterveranstaltung, die sich bei Sturm auflösen darf. Sie muss auch bei schlechtem Wetter funktionieren und die Menschen schützen, so gut es geht.

Aber darum geht es mir hier gar nicht. Mir geht es um die Frage, wie Menschen dazu kommen, sich am Vorabend einer globalen Bedrohung, die die ganze Menschheit in Gefahr bringt, den Luxus ideologischer Grabenkämpfe zu erlauben. Wie sehr müssen diese Leute von Ideologiefragen besessen sein, wenn sie sogar noch unter dem Eindruck einer tödlichen, weltweiten Gefahr in ihren ideologischen Schützengräben hocken, um von dort aus die Menschheit zu spalten. Das wäre unter normal denkenden Menschen eigentlich der Moment, wo man ideologische Fragen zurückstellen und pragmatisch über alle physischen und geistigen Grenzen hinweg zusammenarbeiten sollte. Wo man alles daran setzen sollte, gemeinsam Leben zu retten und einander zu unterstützen, wo immer es geht. Aber normal zu denken ist für manche ganz offensichtlich zu viel verlangt.

Die Werte der westlichen Welt?

Man hört in der letzten Zeit immer wieder, wie westliche Politikerinnen und Politiker ihre Werte wiederentdecken und sie voller Inbrunst beschwören. Ich frage mich schon die ganze Zeit, welche Werte das wohl sein mögen. Bis jetzt habe ich noch keine schlüssige Antwort gefunden. Hier sind einige von den Möglichkeiten, die mir bisher in den Sinn gekommen sind:

Kandidatenliste „Werte der westlichen Welt“

  • In der Manier eines Weltadels die Ressourcen und die Institutionen dieser Welt unter sich aufteilen
  • Sich den eigenen Bauch füllen und auch noch die Reste wegwerfen, während andere hungrig zuschauen müssen
  • Die eigenen Interessen auf Kosten anderer durchsetzen
  • Durch nicht-nachhaltiges Wirtschaften die Zukunft der Welt verbrennen
  • Kriege vom Zaun brechen, die Hunderttausende nicht-privilegierte, d. h. nicht-westliche und daher nicht-wichtige Menschen das Leben kosten
  • Regime-Change-Politik betreiben und Staaten in blutige Bürgerkriege stürzen, jahrelanges Elend inklusive
  • Sich für Rechtsbrüche blind stellen, die von guten Partnern begangen werden, oder von einem selbst
  • Unliebsame Wahrheiten ausblenden
  • Durch die Verbreitung von Halbwahrheiten lügen, um missliebige Konkurrenten aus dem Weg zu räumen
  • Durch die Verbreitung von Unwahrheiten lügen, zu dem gleichen Zweck

Wie mir scheint, könnten das die Werte zumindest für die Werktage sein, an denen der Westen fleißig versucht, die Geschicke der Welt in für ihn nutz- und gewinnbringende Bahnen zu lenken. Sonntags gibt es vielleicht noch andere, besser klingende Werte, die in die Kameras hinein beschworen werden. Aber die sind nur dafür da, um sich selbst, also um den real existierenden Egoisten einzureden, sie seien gute Menschen. Ich würde mich nicht darauf verlassen, dass solche Werte ernst gemeint sind.

We want to see the world! Gesehen auf einer Wanderung unterhalb der Burg Rabeneck (Foto: mit freundlicher Erlaubnis von LS).

Alphatiere im Impfdschungel

Heute wurde vermeldet, dass die USA bereits die Hälfte ihrer Erwachsenen gegen das Virus SARS-CoV-2 geimpft hat. Es ist erstaunlich, was man auf diesem Gebiet schaffen kann, wenn man keine Impfstoffe exportiert, sondern alles für sich behält. Erstaunlich auch, dass dieser unverhohlene Impfegoismus kaum von anderen westlichen Ländern kritisiert wird. Die scheinen die Sache wohl für normal zu halten — oder gar nichts anderes mehr von der „America first“-Nation zu erwarten.

Bezeichnend ist: gerade die Länder, die die radikalsten Vertreter einer freien Marktwirtschaft sind, legen auch einen extremen Impfegoismus an den Tag. Sie sind nicht bereit, Impfstoffe mit anderen Ländern zu teilen. Sie führen sich auf wie Alphatiere im Dschungel, die sich als Erste an einer erlegten Beute sattfressen dürfen. Erst danach gibt es auch etwas für die anderen. Und sie haben dabei noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen, weil sie denken, es sei ihr vornehmstes Recht, so zu handeln.

Die COVAX-Initiative, die den ärmeren Staaten einen fairen Zugang zu den Impfstoffen ermöglichen soll, ist nicht viel mehr als ein Feigenblatt. Sie ist unterfinanziert und ihre Ziele sind zu wenig ambitioniert. Nur 2 Milliarden Impfdosen sollen noch in diesem Jahr an die teilnehmenden Länder gehen. Das Ziel ist niedrig gesteckt. Lediglich 20% der Bevölkerung sollen in den betreffenden Ländern immunisiert werden. Viel zu wenig, um diese Pandemie wirklich zu beenden.

Um letzteres zu erreichen, hätte man längst massiv in die Produktion der zugelassenen Impfstoffe einsteigen müssen. Jede Firma, die in der Lage ist, die Impfstoffe in hoher Qualität herzustellen, müsste genau das jetzt tun: produzieren, produzieren, produzieren. Die Aufgabe der reichen Länder wäre es, den Weg dafür freizumachen (Freigabe der Patente) und die Produktion massiv zu finanzieren.

Dazu ist der Westen nicht bereit. Auch Deutschland nicht. Wir beharren weiter auf den Patenten und hoffen, dass der Markt der Welt den lebensrettenden Impfstoff irgendwann schon noch bringen wird. Und verweisen auf COVAX. Es ist bereits jetzt abzusehen, dass diese Verweigerung Hunderttausende von Menschen das Leben kosten wird. Das ist unterlassene Hilfeleistung (unter normal denkenden Menschen ein Verbrechen) im Mäntelchen der Philanthropie.

Das Problem ist: in unserer Brust schlagen zwei Herzen. Ein kleines und ein großes. Das kleine Herz schlägt für unsere Mitmenschen. Mit ihm wollen wir uns für andere einsetzen, ihnen helfen, wenn sie in Not sind, gerecht und fair mit anderen umgehen. Ganz anders das große Herz. Das schlägt nämlich nur für uns selbst. Es möchte, dass unsere Schäfchen im Trockenen sind, auch wenn das heißt, dass die anderen dann im Regen stehen. Es flüstert uns unablässig ins Ohr, dass es schon okay ist, „auch mal“ an sich selbst zu denken.

Wir haben aber nicht nur zwei Herzen, wir haben auch zwei Brillen, mit denen wir die Welt betrachten: eine rosarote und eine dunkle. Durch die rosarote Brille betrachten wir uns gerne selbst. Mit ihr sieht unser kleines, menschenfreundliches Herz riesengroß aus, während von dem großen, eigennützigen Herz gar nichts mehr zu sehen ist. Mit der dunklen Brille betrachten wir gerne missliebige Mitmenschen, seien es ungeliebte Verwandte, Nachbarn, Kollegen oder Konkurrenten. Auch unser Bild von Fremden, die wir nur aus den Medien oder aus dem Internet kennen, kommt oft von dieser Brille. Das, was wir über diese Menschen sehen oder lesen, ist oft schon dunkel vorgefiltert. Durch unsere eigene dunkle Brille betrachtet, bleibt dann gar kein gutes Haar mehr an ihnen. Sie werden in unserem Auge zur Schlechtigkeit in Person, wahlweise sind sie für uns dumm, schwach, faul, aggressiv oder bösartig. Alles, was gegen sie sprechen könnte, auch wenn es nur in unserer Vorstellung existiert, erscheint uns durch diese Brille riesengroß. Was aber für sie sprechen könnte, das sehen wir meist gar nicht mehr, oder es wird noch etwas Negatives, Bösartiges dahinter vermutet.

Wie bei dem gehässigen Gerede über eine russische und eine chinesische „Impfdiplomatie“. Sicherlich versuchen die beiden Länder mit der Lieferung von Impfstoffen auch, ihre internationalen Beziehungen zu verbessern. Aber dass sie mit ihren Impfstoffen auch einen essentiellen Beitrag zur Beendigung der Pandemie leisten, dass sie damit Menschenleben retten und dies sicherlich auch wollen, kann man doch nicht in Abrede stellen. Es ist ein Ausdruck des kleingeistigen Konkurrenzdenkens der westlichen Staaten gegenüber diesen beiden Ländern, dass sie das nicht anerkennen können. Es kommt einem fast so vor, als ob es manchem körperliche Schmerzen bereiten würde, wenn er zugeben müsste, dass etwas Positives aus Russland oder China kommt. Das ist ein Beispiel von Dutzenden, die zeigen, wie sehr sich der Westen schon im Gedankennetz eines neuen kalten Krieges verstrickt hat. Nur er selbst hat es noch nicht gemerkt, weil er sich selbst so gerne durch die rosarote Brille besieht.

Eines ist doch klar: in der Pandemie sollte die ganze Menschheit über alle ideologischen Differenzen und Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Alle sollten zusammen an einem Strang ziehen, um dieses Virus zu besiegen, mindestens aber so viele Menschenleben wie möglich zu retten. Leider muss man konstatieren, dass zumindest der Westen dazu mehrheitlich nicht bereit ist, und geistig offensichtlich auch nicht in der Lage.

Eine Pandemiebekämpfung ohne ideologische Scheuklappen ist mit dem Westen nicht zu machen. Auch wenn es Menschenleben kostet. Lieber werden Menschen geopfert, als ideologische Bedenken zurückzustellen. Dass das ganze auch nach hinten losgehen kann, ist kein Geheimnis. Der westliche Egoismus kann sich sehr schnell als Bumerang erweisen, der in Gestalt von Virusmutationen, gegen die keiner der aktuellen Impfstoffe mehr hilft, zurückkommt. Es ist ein Spiel mit dem Feuer.

Ich vermute sogar, dass die Verantwortlichen das bereits einkalkuliert haben. Nicht umsonst wird bereits darauf hingewiesen, dass wir noch viele Jahre lang mit Impfungen gegen diverse Varianten dieses Virus werden leben müssen. Für die Rechteinhaber an den Impfstoffen wird die Pandemie zum Geschäft ihres Lebens.