Wenn es den Homo sapiens wirklich gäbe

Gäbe es tatsächlich den Homo sapiens, den weisen, einsichtigen Menschen, dann wäre die Welt eine ganz andere. Daran kann kaum ein Zweifel bestehen. Der Homo sapiens würde zum Beispiel Konflikte friedlich lösen. Er würde auf Konfliktparteien mäßigend einwirken und Konflikte entschärfen, anstatt sie zusätzlich anzuheizen und zu befeuern. Er würde dafür sorgen, dass ein Ausgleich zwischen verschiedenen Positionen geschaffen wird. Er würde auf ein Win-win aller hinwirken, damit sich keiner benachteiligt oder übergangen fühlen kann.

Der Homo sapiens würde sich um eine gemeinsame, gegenseitige Sicherheit aller Staaten bemühen. Er würde wissen, dass Sicherheit unteilbar ist. Dass sie das Atomos, das Unteilbare der internationalen Politik ist. Denn es gibt entweder Sicherheit für alle, oder es gibt Sicherheit für keinen.

Natürlich wäre der Homo sapiens kein Dummerjan, der immer und überall und ausschließlich an das Gute im Menschen glaubt. Er würde wissen, dass es im Menschen nicht nur Gutes, sondern auch Schlechtes gibt, und dass es immer wieder nach außen brechen kann. Deshalb würde er sich auch auf diesen Fall angemessen vorbereiten. Es wäre ihm klar, dass es dumm und fahrlässig wäre, diese Gefahr gänzlich zu ignorieren.

Solche Risiken im Auge zu behalten, wäre aber nur eine Nebenbeschäftigung des Homo sapiens. Sein Hauptanliegen wäre, mit allen Seiten zu kooperieren, zum Wohl der ganzen Menschheit. Er würde weltweit zusammenarbeiten, um die Situation der Menschen auf der ganzen Welt zu verbessern. Die Kooperation wäre die entscheidende Grundlage für das globale Zusammenleben. Darüber hinaus wäre auch Konkurrenz erlaubt, aber der Homo sapiens würde dafür sorgen, dass sie gezähmt und moderiert wird. Er würde der Konkurrenz niemals erlauben, das globale Zusammenleben zu unterminieren.

Um die Zukunft der eigenen Nachfahren und die anderer Arten nicht zu zerstören, würde der Homo sapiens logischerweise nachhaltig leben. Alles andere wäre völlig undenkbar. Nachhaltigkeit ist das A und O für ein dauerhaftes Leben auf der Erde. Der Homo sapiens würde Ressourcen schonen, statt sie leichtfertig zu verschwenden. Nicht zuletzt würde er die Lebensrechte seiner Mitbewohner auf der Erde, der Tiere und Pflanzen achten, anstatt nur sich selbst ein Lebens- und Existenzrecht zuzugestehen.

Das alles würde der Homo sapiens tun, wenn es ihn denn gäbe. Aber leider gibt es den Homo sapiens nicht. Statt dessen muss die Welt mit einem anderen Vertreter der Gattung Homo vorlieb nehmen. Dieser ist leider nicht das hellste Licht im Welttheater, weshalb man ihn mit einigem Recht auf den Namen Homo Knallkopf taufen kann. Obendrein ist er auch noch vom Egoismus zerfressen und verfolgt mit Vorliebe zu allererst seine eigenen Interessen. Statt auf ein Win-win aller hinzuwirken, ist er mit einem Win-Loose bereits sehr zufrieden. Er heizt Konflikte an und zündelt an politisch hoch explosiven Pulverfässern herum, wenn er darin einen Vorteil für sich selber sieht. Er teilt und spaltet die eine Menschheit, um zu herrschen und zu dominieren. Er sucht nur seine eigene Sicherheit zu stärken, auch wenn das die Sicherheit aller ruiniert.

Denn der Homo Knallkopf ist ein eingebildeter Dummerjan, der immer und überall und ausschließlich an das Schlechte im Menschen glaubt, außer natürlich in sich selbst. Das einzige Werkzeug, das er kennt, ist ein Hammer, und er sieht in allem einen Nagel, den er damit einschlagen muss. Vor Krieg und Gewalt schreckt er nicht zurück. Der Krieg ist für ihn etwas Legitimes, es sei denn, es ist der Krieg eines anderen. Seine eigenen Kriege sind für ihn nichts weiter als die ganz normale Fortsetzung der Politik mit dem Mittel der Gewalt, das selbstredend völlig gerecht und alternativlos ist. Mit dem gerechten Töten für eine gerechte Sache, die zufälligerweise immer die Seine ist, kennt er sich bestens aus.

Wenn er mal keine Kriege führt, redet der Homo Knallkopf auch gerne von Kooperation. Doch bei der Auswahl seiner Partner ist er sehr wählerisch, und er schließt andere vorzugsweise aus. Statt zum Wohl aller Menschen zusammenzuarbeiten, betreibt er ökonomisch und politisch eine ruinöse Konkurrenz, die eher früher als später den ganzen Planeten an die Wand fahren wird.

Ein Lebensrecht anderer, nicht-menschlicher Erdbewohner kennt der Homo Knallkopf natürlich nicht — das versteht sich ja von selbst. Und auch die Zukunft seiner eigenen Kinder und Enkel bedeutet ihm nicht viel. Zwar gibt es manchmal Tage, an denen er gerne nachhaltig leben und seinen Nachfahren eine bewohnbare Welt hinterlassen würde, aber dann kommt doch wieder irgendetwas anderes dazwischen, das ihm gerade wichtiger erscheint. Macht nichts, denkt er sich, nachhaltig kann ich auch noch später werden. Auch wenn das bedeutet, dass es ein Später für ihn mangels Nachhaltigkeit gar nicht mehr geben wird. Diesen offensichtlichen Widerspruch hat er mit seinem Erbsenhirn noch immer nicht begriffen. So verzehrt er fröhlich weiter seinen eigenen Planeten, bis nicht mehr viel zum Leben übrig bleibt.

Manchmal träume ich davon, dass sich der Homo Knallkopf verwandelt, dass eine wunderbare Metamorphose geschieht, die aus dem dummen, brutalen Schläger, aus dem unersättlichen Vielfraß einen Homo sapiens macht. So, wie sich eine hässliche, gefräßige Raupe in einen schönen Schmetterling verwandelt. Für den Moment ist das leider nur ein Traum, aber auch Träume sind nicht ganz unmöglich. Auch sie können Wirklichkeit werden. Eines fernen Tages. Und vielleicht ist das sogar der normale Weg einer jeden Zivilisation in diesem Universum. Sie muss unweigerlich im rohen Naturzustand beginnen, um sich dann erst mühsam und unter großen Schmerzen zur Zivilisation hin zu entwickeln. Vielleicht werden auch die Bewohner der Erde diesen Weg noch gehen, wenn sie sich selbst nicht vorher auslöschen. Das ist zumindest meine große Hoffnung.

Vielleicht gehört die Erde aber auch zu jenen Planeten, die den Zustand der Zivilisation niemals erreichen, weil sich ihre Bewohner aus Angst, nicht das größte Stück vom Kuchen zu bekommen, lieber auf ewig gegenseitig quälen. Statt einfach zusammen in einem Paradies zu leben.

Denn genau das ist die Erde: ein Paradies. Wer das nicht glaubt, der betrachte nur den Mond, den Mars, die Venus oder den Merkur. Die Erde ist ein Juwel unter den Planeten. Im Umkreis von etlichen Lichtjahren gibt es nichts Besseres. Wir sollten dem Schicksal dankbar sein, dass wir hier leben dürfen, ja: dass wir überhaupt leben dürfen.

Der Homo sapiens wäre darüber sehr glücklich und zufrieden, während der Homo Knallkopf es noch nicht einmal bemerkt. Er nimmt in seiner völligen Beschränktheit das Besondere, das Außergewöhnliche der Erde für selbstverständlich. Und verhält sich so, als wenn er sich jederzeit eine neue basteln könnte. Dass er das nicht kann, und dass eine freundliche Erde nichts Selbstverständliches ist, wird er noch schmerzhaft erfahren müssen. Leider wird er nur aus Schaden klug, nicht aus vernünftiger Überlegung. Er ist eben kein Homo sapiens. Wenn er Glück hat, wird sich das irgendwann noch einmal ändern, sofern er lange genug überlebt. Aber wann und ob überhaupt, das liegt allein an ihm.

Ich für meinen Teil wünsche ihm jedenfalls auf seiner weiteren Reise von Herzen alles Gute. Und das meine ich durchaus nicht ironisch. Ich meine es wirklich so. Ich wünsche dem einzigen Vertreter der Gattung Homo, den es noch gibt (und die Betonung liegt auf „noch“), dass er für seine Zukunft bessere Entscheidungen trifft als in der Vergangenheit. Vor allem wünsche ich ihm die Kraft, einzusehen, dass er selbst sein größter Feind ist. Und dass er einen Weg findet, den Feind in sich selbst zu überwinden.

Und was wird er dann entdecken? Dass er selbst sein größter Freund sein kann. Wenn er dazu auch noch seinen Verstand zu nutzen lernt, dann, ja dann … dann kann seine glückliche Zeit als Homo sapiens vielleicht doch noch beginnen.

Die Selbstzivilisierung des Menschen

Der Mensch ist ein Produkt darwinistischer Prinzipien, und auch die menschliche Kultur folgt in ihrer Entwicklung ebendiesen Prinzipien. Nur jene Ideen, Denkweisen und Handlungsweisen haben Bestand, die sich gegen andere durchsetzen. Sie setzen sich durch, wenn sie für Menschen attraktiv sind, oder wenn Menschen mit Macht (politisch, ökonomisch, weltanschaulich, …) sie mit Mitteln der Verführung, der Propaganda oder einfach mit Gewalt durchsetzen.

Letzteres ist nur möglich, weil die Menschen nicht gleich sind. Zwar sollten sie nach unseren eigenen Ansprüchen gleich sein, gleich an Rechten und gleich an Pflichten. Nominell sind sie das auch. Aber weil sie ungleich sind an Mitteln und an Einfluss, können sie von ihren Rechten nur ungleich Gebrauch machen. Es gibt diese Ungleichheit in allen gesellschaftlichen Gruppen, in der Familie, in der Kommune, im Land, innerhalb der ganzen Menschheit. Macht ist konzentriert bei wenigen, während die Mehrheit über wenig Macht verfügt oder sich dieser Macht nicht bewusst ist (so wie ein Arbeitselefant, der sich von einem Menschenzwerg herumkommandieren lässt, weil er sich seiner Kräfte nicht bewusst ist). Die Mehrheit wird über ökonomische Abhängigkeiten sowie Versprechungen und Verlockungen, durch die Kunst der Verführung, durch Propaganda, durch weltanschauliche Zwänge (Denkgebote und Denkverbote, deren Einhaltung auch durch sozialen Druck seitens der peers überwacht wird) oder durch pure Gewalt davon abgehalten, sich ihrer eigenen Macht bewusst zu werden und sie zu nutzen. Die wenigen haben nur Macht, wenn die Mehrheit nicht zusammen steht, wenn sie sich in Einzelne atomisieren lässt und deshalb ihre Macht nicht umsetzen kann.

Wenn der Mensch ein Produkt darwinistischer Prinzipien ist, wie kann man da erwarten, dass sich sein Handeln nicht nach diesen Prinzipien richtet? In einem darwinistischen Universum, in einer darwinistischen Welt ist der darwinistische Mensch nur natürlich. Aber nur, weil etwas natürlich ist, muss es nicht unbedingt etwas Gutes und Erstrebenswertes sein. Der darwinistische Mensch ist einer, der Menschenleben zerstört. Man kann es nicht deutlich genug sagen: der Darwinismus vernichtet Menschenleben. Er ist nur für die Starken da, während er die Schwachen hinwegfegt. Deshalb kann man nur froh sein über jede Idee, jede Denkweise und jede Handlung, die den Darwinismus transzendiert, die über die darwinistische Natur hinauswächst. Wenn der Mensch sich zivilisiert, wenn er sich Regeln für das Zusammenleben gibt, mit denen er den Darwinismus hinter sich lässt — dann erst ist er wirklich ein Mensch, dann erst schöpft er sein eigenes Potential aus. Ein Potential, das von Beginn an in ihm schlummert, das aber erst geweckt werden muss. Solange er im Darwinismus verharrt, führt der Mensch nichts weiter als eine barbarische Existenz. Dass er dabei gelegentlich Kostümchen oder Nadelstreifen trägt, ändert daran gar nichts. Selbst mit dem feinsten Zwirn bleibt er ein Menschenfresser, der davon lebt, die Leben anderer Menschen zu verzehren.

Freilich kann man den Darwinismus niemals ganz loswerden. Das ist schlechterdings nicht möglich. Er ist ein Naturprinzip, und der Natur können wir nicht vollständig entkommen. Ihre Gesetze können wir nicht aushebeln. Auch gute Ideen müssen sich gegen schlechte durchsetzen, um sich unter den Menschen auszubreiten. Anders funktioniert es nicht. Das ist aber nur eine geringfügige Einschränkung, solange die guten Ideen selbst den Darwinismus hinter sich lassen. Das bedeutet natürlich auch, dass sie nicht mit Gewalt oder Lügen verbreitet werden. Sondern durch die Kraft des ehrlichen Arguments und des guten Vorbilds.

Die Feinde der Freiheit

Die Freiheit hat nicht nur Freunde. Ganz im Gegenteil. Sie hat gleich eine ganze Reihe von Feinden. Meistens sind es Menschen, die ihre eigene Freiheit sehr hoch schätzen, aber in sich den Drang verspüren, die Freiheit anderer Menschen lieber zu beschränken.

Diese Beschränkung funktioniert über Macht, die von Menschen ausgeübt wird, die diese innehaben. Ganz grob lassen sich folgende Arten von Macht und Machtausübung unterscheiden:

  • Staatliche Macht: wird durch Organe des Staates ausgeübt (Regierung, Gesetzgebung, Polizei, Gerichte, Militär)
  • Weltanschauliche Macht (Religionen, Ideologien): wird durch Vorschriften weltanschaulicher Autoritäten ausgeübt. Bei Verstoß droht soziale Ächtung (bei Unterstützung durch weltliche Gesetze auch juristische Bestrafung)
  • Ökonomische Macht: ökonomisch Stärkere halten ökonomisch Schwächere in Abhängigkeit, diktieren ihnen ihre Bedingungen oder drängen sie ab im Wettbewerb; darüber hinaus können sie die Regierung und die Gesetzgebung beeinflussen.
  • Gesellschaftliche Macht: wird durch Menschen ausgeübt, die im sozialen Umfeld die Deutungs- und Bewertungshoheit beanspruchen und darüber entscheiden, wie sich die Individuen zu verhalten haben.
  • Innerfamiliäre Macht: durch die Ausnutzung von finanziellen und emotionalen Abhängigkeiten sowie durch die Ausübung von Druck werden Familienmitglieder kontrolliert und gefügig gemacht.

Potentielle Feinde der Freiheit gibt es also viele. Deshalb ist es auch naiv, wenn sich sogenannte freiheitliche Parteien allein auf den bösen Staat als Feind der Freiheit kaprizieren. Auffällig ist insbesondere, dass viele, die sich liberal oder libertär nennen, für einen Feind der Freiheit völlig blind sind: nämlich für die ökonomische Macht. Für viele „Liberale“ ist sogar der demokratische Staat böse und muss beschnitten werden, während der undemokratische Markt immer nur das Gute bringt und freien Lauf erfordert. Dass der Markt mit der Ausübung ökonomischer Macht verbunden ist und damit auch mit der Beschneidung von Freiheit — davon wollen diese vorgeblichen „Freunde der Freiheit“ nichts wissen.

Früher

Früher gab es mal kluge Männer und Frauen bei der FDP, doch das ist schon lange her. Was für ein Unterschied zwischen einer Hamm-Brücher und einer Strack-Zimmermann — OMG.

Früher gab es mal kluge Männer und Frauen bei den Grünen, doch das ist schon lange her. Was für ein Unterschied zwischen einer Kelly und einer Baerbock — OMG.

Früher gab es mal kluge Männer und Frauen bei der SPD, doch auch das ist schon lange her. Was für ein Unterschied zwischen einem Brandt und einem Scholz — OMG.

Früher war nicht alles besser — OMG. Aber manches schon.

Zum Wohl aller Menschen

Was ist Aufklärung?

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Immanuel Kant

Es wird ja gerne so getan, als ob die Aufklärung eine abgeschlossene Sache wäre, ein längst vergangener Vorgang in der Geschichte, unser Erbe, dessen Früchte wir heute alle frisch und frei genießen könnten. Tatsächlich ist die Aufklärung aber noch lange nicht vorbei. Ja, sie braucht sogar dringend einen neuen Schub, denn die Probleme, unter denen die Welt leidet, zeigen ganz eindeutig, wie wenig aufgeklärt unsere heutige Zeit tatsächlich ist.

Die Aufklärung ist eines der bedeutendsten Projekte der Menschheit. Ihre Anfänge liegen in einer Zeit, in der der Mensch der Herrschaft des Adels und der Kirche unterworfen war und einer Vielzahl von Dogmen gehorchen musste. Von allen Seiten wurde ihm eingebleut, was er zu glauben und zu tun hatte. Das Ziel der Aufklärung war kein geringeres, als den Menschen aus solcher Unmündigkeit und Gängelei zu befreien. Zwar ist die Macht des Adels und der Kirche inzwischen gebrochen, aber Herrschaft und Dogmen gibt es auch heute noch. Man kann sogar sagen, dass man sie niemals endgültig beseitigen kann, da sie selbst nach erfolgter Beseitigung die Tendenz haben, mit der Zeit, besonders im Wechsel der Generationen, durch allerlei Ritzen und Fugen in das Leben der Menschen zurückzusickern. Allein deshalb schon ist Aufklärung ein niemals endender Prozess, denn eine neue Generation muss stets von neuem gegen die Versprechungen politischer Kreise und gegen die Verlockungen einfacher Glaubenssätze geistig imprägniert werden.

Um das Ziel der Aufklärung zu erreichen, wird der Mensch dazu aufgerufen und ermutigt, den eigenen Verstand zu benutzen und selbstständig über die Welt und seinen Platz darin nachzudenken. Allerdings reicht die bloße Ermutigung dazu nicht aus. Letztlich muss man die Menschen auch dazu in die Lage versetzen, ihren Verstand zu benutzen. Das ist die Aufgabe einer richtig verstandenen Bildung. Zwar ist das Ziel, dass sich jeder seines Verstandes ohne die Anleitung eines anderen bedienen soll, aber dorthin kommt man im Allgemeinen nicht ohne Bildung. Sie ist der wesentliche Schlüssel zu einer aufgeklärten Mündigkeit. Letztere ist wie eine empfindliche Pflanze, die selten von alleine wächst, sondern Pflege braucht und von Generation zu Generation immer wieder neu gepflanzt werden muss.

Aber auch Bildung alleine ist noch nicht genug. Zusätzlich müssen auch die meinungsbildenden Akteure in einer Gesellschaft soweit gebändigt werden, dass zweckgerichtete Manipulationen dessen, was die Menschen denken und denken sollen, unterbleiben. Gemeint sind damit in der heutigen Zeit vor allem die Medien, die ihre Nutzerinnen und Nutzer leider nicht immer vollständig und wahrheitsgemäß aufklären, sondern bisweilen auch manipulieren wollen. Das tun sie zum Beispiel, indem sie den Manipulierten einen wesentlichen Teil der Wahrheit vorenthalten und ihnen zweckmäßig konstruierte Zerrbilder der Realität präsentieren. Solche Medien missbrauchen ihre publizistische Macht. Sie sind Akteure einer Gegenaufklärung, die jeder Aufklärung zuwiderläuft.

Insofern hatte es sich Immanuel Kant in dem eingangs angeführten Zitat zu einfach gemacht, als er sich nur auf die selbstverschuldete Unmündigkeit bezog. Tatsächlich gibt es neben der selbstverschuldeten auch eine fremdverschuldete, durchaus auch mit Absicht herbeigeführte Unmündigkeit, die wesentlich schlimmer ist als die selbstverschuldete. Diese muss ebenfalls berücksichtigt und effektiv bekämpft werden, um das Projekt der Aufklärung zu befördern. Aufklärung ist daher nicht nur etwas, das das Individuum von sich aus alleine leisten kann, wie das Zitat von Kant suggeriert, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht nur den Bereich der Bildung umfasst, sondern auch Akteure entlarven und bekämpfen muss, die an Aufklärung kein Interesse haben, ja aktiv Gegenaufklärung betreiben.

Nun kann man natürlich auch Bildung so gestalten, dass sie jede Aufklärung verhindert. Auch Bildung kann manipulieren und gegenaufklärerisch wirken. Daher ist es entscheidend, sicherzustellen, dass die Bildung die Aufklärung unterstützt, indem sie das Individuum tatsächlich in die Lage versetzt, seinen Verstand ohne weitere Leitung selbstständig zu verwenden. Das ist das eine. Es kommt in Bezug auf die Bildung aber noch etwas anderes dazu, das Kant sicherlich mitgedacht hat, das aber bislang doch sträflich vernachlässigt wurde. Der aufgeklärte, mündige Mensch muss nämlich nicht nur wissen, dass er seinen eigenen Verstand benutzen kann und soll, sondern auch, wo bei diesem Unterfangen die Stolperfallen liegen. Oder genauer gesagt: wo der Verstand seine Grenzen hat.

Dass der Verstand Grenzen hat, dass es grundsätzliche Grenzen der Erkenntnisfähigkeit gibt, ist offensichtlich. Das hat auch und gerade Kant hinreichend thematisiert. Dennoch wird diese offensichtliche Tatsache gerne verdrängt und so getan, als ob es sie nicht gäbe. Das Ergebnis ist, dass der denkende Mensch sein Denken gerne frei drehen lässt, wobei jedoch selten etwas Sinnvolles herauskommt, oder etwas, das an die Realität auch nur im Entferntesten heranreicht. Eine kritische Einstellung gegenüber dem eigenen Denken ist daher unerlässlich. Aus diesem Grund kann es eine echte Aufklärung nur durch die richtige Verwendung des Verstandes geben, bei der auch seine Grenzen wie selbstverständlich berücksichtigt werden.

Man kann den Verstand sehr leicht falsch benutzen, indem man die prinzipiellen Grenzen der Erkenntnisfähigkeit ignoriert. Nichts ist leichter als das. Der Verstand kann Überzeugungen und Glaubenssätze produzieren, die völlig falsch sind, und trotzdem alle haarklein mit einem pseudorationalen Fundament untermauern. Die menschliche Geistesgeschichte ist voll von Beispielen. Wir sind sehr kreativ darin, scheinbar vernünftige und zwingende Gründe für völlig falsche Ansichten zu konstruieren.

Das soll freilich nicht bedeuten, dass der Mensch gar nicht mehr selbst denken und das Denken besser den Experten überlassen soll. Denn die Grenzen der Erkenntnis gelten natürlich auch für die Experten. Und es ist leider eine Tatsache, dass so gut wie kein Experte diese Grenzen ernsthaft berücksichtigt. Das sage ich aus eigener Erfahrung, die ich als Experte immer wieder mit anderen Experten gemacht habe. Fast jeder Experte geht davon aus, dass sein Expertentum zweifellos der Wahrheit entspricht. Dem ist aber nicht so. Auch das Expertentum ist über grundsätzliche Zweifel nicht erhaben. Auch Experten können sich irren. Auch sie können die grundsätzlichen Grenzen des Denkens nicht aushebeln.

Aufklärung bedeutet also auch, stets die Grenzen, die dem Denken von Natur aus gesetzt sind, mitzudenken. Das Ziel ist, nicht nur die selbstverschuldete, sondern auch die fremdverschuldete Unmündigkeit zu beenden. Der Mut zum eigenständigen Denken ist dafür unerlässlich, doch braucht es daneben auch eine aufklärerische Bildung, damit weite Kreise die Fähigkeit zu eigenständigem, kritischem und selbstkritischem Denken erlangen. Leider sind wir noch weit davon entfernt, diese Ziele zu erreichen. Dafür bräuchte es jetzt dringend einen neuen Anlauf, eine neue Anstrengung zur Aufklärung.

Und noch etwas anderes wird dringend benötigt, das über das reine Denken hinausgeht. Und das ist die Empathie. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, mit ihnen mitzufühlen. Für die Gesundung der Menschheit braucht es nicht nur Verstand, sondern auch Herz. Die Aufklärung muss sich auch dafür öffnen. Denken alleine kann nicht alle unsere Probleme lösen. Ohne Empathie und Aussöhnung werden wir keine Menschheit werden. Vielleicht werden wir noch nicht einmal mehr eine Zukunft haben. Mit dem Verstand und der Empathie haben wir jedoch zwei wirkungsvolle, einander ergänzende Mittel in der Hand, mit denen wir eine bessere Zukunft gestalten können. Mit ihnen sind wir nicht machtlos. Wir müssen nur den Mut und die Entschlossenheit haben, sie zum Wohl aller Menschen, ja des ganzen Planeten zu verwenden.

Koexistenz

Der Westen hat nicht nur eine gute, schöne Seite, sondern auch eine hässliche. Diese zeigt sich zum Beispiel darin, dass er eher bereit ist, mit einem gefährlichen Virus friedlich zu koexistieren, als mit anderen Menschen.

Wer einen Beweis dafür haben möchte, der schaue in die jüngere Geschichte von Korea, Vietnam, Kambodscha, Iran, Irak, Afghanistan, Syrien, Libyen, und, und, und,…

Und das bevölkerungsreichste Land der Erde mit rund 18 Prozent der Weltbevölkerung steht als nächstes auf der Abschussliste. Eine kleine Gruppe von Ländern, die von einem Land mit kümmerlichen 4 Prozent der Weltbevölkerung angeführt wird, glaubt, den Rest der Menschheit am Nasenring durch die „regelbasierte“ Weltmanege führen zu dürfen. Bezeichnenderweise verzichtet der westliche Weltadel mehr und mehr darauf, noch von Völkerrecht zu sprechen, und hat dieses sang- und klanglos durch den nebulösen Begriff einer „regelbasierten Ordnung“ ersetzt, den er je nach Belieben und Bedarf für seine eigenen Zwecke auslegen kann. So hat er sich der lästigen Sache namens Völkerrecht schon weitgehend entledigt. Friedliche Koexistenz kommt für ihn nicht in Frage, es sei denn zum Preis der Unterwerfung unter sein Regime und unter seinen Führungsanspruch. In diesem Fall sind auch Diktatoren als Freunde hochwillkommen, und die vielgepriesenen westlichen Werte, die man als Waffe gegen Unwillige zum Einsatz bringt, bleiben in der Schublade.

Nachtgebet II

Oder: An den neuen Gott

Liebe NATO, ich danke Dir für diesen Tag. Bitte pass auch morgen gut auf mich auf und auf alle Menschen, die mir am Herzen liegen. Amen.

Quizfrage III

Was ist das größte Handicap der Menschheit?

Antwort: zu viele Einzelne und zu wenig Gemeinschaft.