Quizfrage

Welche vier Werte sind die Topwerte der westlichen Denksphäre?

Antwort: ich, ich, ich und ich.

Lügen

Andere, weniger demokratische Länder werden von uns gerne als Quell der Lüge und der Propaganda hingestellt. Das ist sicherlich nicht völlig abwegig. Es wäre aber schön, darüber nicht unsere eigenen Lügen und unsere eigene Propaganda zu vergessen.

Wenn ich mich belügen lassen will, muss ich nicht in andere Länder fahren. Das kann ich in jedem Land der Welt bekommen. Auch im Westen, der so eine hohe Meinung von sich selbst hat und, ganz der Erdadel, den Rest der Welt so gerne vom hohen Ross herunter betrachtet. Um sich belügen zu lassen, muss man nicht in die Ferne schweifen. Man muss nur unter Menschen gehen. Vor allem unter solche mit politischen Ansichten. Da sprießen und gedeihen die Lügen wie das Unkraut im Garten.

Und der Erfolg gibt den Menschen ja recht. Gut gelogen ist halb gewonnen. Man könnte auch sagen: der wichtigste Nobelpreis wird nicht vergeben — der größte Lügner des Jahres wird nicht öffentlich geehrt. Doch Sorgen muss man sich deshalb nicht um ihn machen: das stille Wachstum auf seinen Konten ist ihm Ehre genug. Er braucht keine Urkunden und Medaillen. Geld und Macht reichen ihm völlig. Da ist er ganz bescheiden.

Das ist das zwischenmenschliche und zwischenstaatliche Catch-as-catch-can. Regeln werden gerne beschworen, oftmals am Lautesten von denen, die sich selbst nicht darum scheren. Am Ende zählt nur, was unterm Strich herauskommt. Alles andere ist nur Show und Theater, um denen die Sinne zu vernebeln, die sie sich nur zu gerne vernebeln lassen wollen. Denn ein Leben in schönem Schein ist doch leichter als eines in einer ungeschminkten Wirklichkeit.

Das Schlimme ist: selbst wenn ich mit mir allein bin, bin ich schon mit einem Lügner zusammen. Mindestens der Selbstbetrug lauert überall. Das ist wohl das Schicksal eines jeden Menschen. Jeder kann das wissen, wenn er es nur will. Nur leider will das kaum einer. So gut wie jeder hält sich selbst für die ehrliche Unschuld. Das gilt für Menschen genauso wie für Staaten. Unehrlich sind immer nur die anderen.

Sind die Menschenrechte eine Erfindung?

Manche Leute lehnen die Menschenrechte ab — mit der Begründung, sie seien eine Erfindung. Die Menschenrechte seien nicht real. Nur was real sei, zähle. Nur die Macht und die Gewalt seien real. Sie meinen deshalb, dass Staaten sich gegenseitig dominieren und jeweils ihre eigenen Interessen durchsetzen sollen, auch wenn das die Verletzung von Menschenrechten bedeutet. Man könnte auch sagen: nicht die Würde des Menschen, sondern die Herrschaft des Stärkeren ist unantastbar.

So sehr ich diese zynische und menschenverachtende Position auch ablehne, muss ich doch feststellen, dass diese Leute in einem Punkt recht haben: die Menschenrechte sind tatsächlich eine Erfindung. Sie sind eine Idee, die von Menschen entwickelt wurde, damit jeder Mensch ein menschenwürdiges, so weit wie möglich selbstbestimmtes und letzten Endes nach seinen persönlichen Maßstäben erfülltes Leben führen kann. Ohne die Menschen oder eine andere, ethisch handelnde Lebensform gäbe es diese Rechte nicht. Es gäbe gar kein Recht. Recht besteht in der Kultur. Wenn man also Kultur als Gegensatz zur Natur begreift, gibt es in der Natur kein Recht.

Die Menschenrechte sind also eine Erfindung, aber das heißt nicht, dass sie deshalb etwas Unnützes oder gar Wertloses sind. Im Gegenteil: die Menschenrechte sind eine der größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte. Eine herausragende zivilisatorische Leistung, die den Menschen aus dem Zustand der Barbarei herausführt. Eine Leistung, auf die wir zu recht stolz sein können.

Darüber hinaus ist es ein Trugschluss, zu denken, die Menschenrechte seien nicht real, nur weil sie eine Erfindung sind. Die Menschenrechte sind eine Idee, und auch Ideen sind real. Ideen existieren in diesem Universum, in den Bewußtseinen und Aufzeichnungen von denkenden Wesen, und sind deshalb nicht weniger real als irgendetwas anderes, das existiert. Die Menschenrechte sind real in den Köpfen der Menschen, in den Büchern, in denen sie niedergeschrieben wurden, und sie leiten menschliches Handeln im wirklichen Leben.

Im Übrigen ist auch der Gedanke, die Menschen sollten die Menschenrechte vergessen und sich einfach an Macht und Gewalt halten, nichts anderes als eine Erfindung. Wie jede Soll-Regel im subjektiven Denken des Einzelnen existiert, nicht aber als objektive Wahrheit in der äußeren Welt, so gilt das auch für diese Regel. Im Gegensatz zu den Menschenrechten handelt es sich hier jedoch um eine schlechte Erfindung. Es gibt nämlich auch im Reich der Ideen nicht nur gute, sondern auch schlechte Einfälle. (Was man für gut und schlecht hält, ist natürlich immer subjektiv. Dennoch folgt aus der Subjektivität von Werten nicht, dass wir alle Werte für völlig gleichwertig halten müssen. Gerade weil Werte subjektiv sind, kann ich zu den meinen stehen und sie sogar von anderen einfordern. Wie vernünftig letzteres ist, und ob es nicht besser wäre, dafür zu werben, die eigenen Werte in eine allgemeine Norm einfließen zu lassen, steht auf einem anderen Blatt.)

Natürlich könnte man jetzt entgegnen: wenn die von Menschen erdachten Menschenrechte real sind, dann muss auch Gott (oder irgendetwas anderes, das Menschen sich ausdenken) real sein. Doch auch hier liegt ein Trugschluss vor. Gott als Idee ist real, solange sie in den Köpfen oder in den Aufzeichnungen der Menschen existiert, aber über Gott als Person, die dies und jenes getan haben soll, ist damit noch nichts gesagt. Die Person Gott muss nicht real sein. Der Unterschied ist, dass die Menschenrechte von vorneherein eine Idee sind, Gott aber soll im Idealfall keine Idee sein, sondern eine existierende Person. Und über letztere wird hier keine Existenzaussage getroffen.

Darauf könnte man entgegnen, dass dann zwar die Idee der Menschenrechte real sei, die Menschenrechte selbst aber vielleicht nicht. So wie die Idee Gottes real ist, aber Gott selbst vielleicht nicht. Während es jedoch zwischen Gott als Idee und Gott als Person einen wesentlichen Unterschied gibt, gibt es diesen nicht zwischen der Idee konkreter Menschenrechte und ebendiesen Menschenrechten selbst. Denn die Menschenrechte sind eine Idee, sie sind nichts Materielles, keine Person oder ein Gegenstand, sie existieren nicht außerhalb des menschlichen Denkens. Die Idee konkreter Menschenrechte und diese Menschenrechte selbst sind ein und dasselbe. Und selbst wenn man dem nicht folgen will, so gehören sie doch zumindest der gleichen Kategorie an, nämlich den Ideen. Als solche sind sie real, solange Menschen sie vertreten, oder solange Aufzeichnungen darüber existieren.

Die weißen Ritter im Kampf gegen das Abgrundböse

Wir die Guten, da die Bösen. So einfach kann man sich die Welt gedanklich einrichten. Komisch, dass es nie eine Seite gibt, die sich selbst für die Bösen und die anderen für die Guten hält.

In Lagern denken. Wir gegen die. Die eigene Seite viel nachsichtiger behandeln, denn die gehört ja zu den Guten. Die andere Seite heruntermachen, an ihrer Rationalität zweifeln, sie als emotional gesteuert und aggressiv hinstellen, bei ihr immer nur das Schlimmste vermuten – denn die andere Seite, das sind ja die Bösen. So einfach ist das. So funktioniert das, was uns manch einer allen Ernstes auch noch als Qualitätsjournalismus verkaufen will. Der Journalist als weißer Ritter im Kampf gegen das Abgrundböse. Die Welt als Märchen. Gut gegen Böse, der edle Ritter gegen den schwarzen Schurken. Die Journalisten, die uns diesen Humbug allen Ernstes präsentieren, haben ihren Beruf komplett verfehlt. Sie wären besser Märchenerzähler geworden.

Dass das Böse gar nicht so böse ist und der Ritter alles andere als weiß und edel — das sind Feinheiten, über die man offenbar auch mal hinwegsehen können muss. Ein Schlachtengemälde muss eben mit groben Strichen gemalt werden, eher mit der Kleisterbürste als mit dem feinen Künstlerpinsel. Nicht dass der Journalist den feinen Pinsel nicht auch beherrschen würde, das tut er durchaus, er hat sein Handwerk ja gelernt. Aber manchmal ist einfach die Kleisterbürste viel besser geeignet, um die gewünschte Wirkung zu entfalten. Im Kampf Gut gegen Böse heiligt der Zweck nunmal die Mittel. Da darf man nicht zimperlich sein, und Wahrheit ist ohnehin ein dehnbarer Begriff. Mit der Wahrheit ist es so ähnlich wie mit Schrödingers Katze: die Wahrheit stirbt erst dann, wenn es der Leser merkt. Und das ist im allgemeinen nicht zu befürchten.

Ein Haus der guten Nachbarschaft

We were expected to destroy one another and ourselves collectively in the worst racial conflagration. Instead, we as a people chose the path of negotiation, compromise and peaceful settlement. Instead of hatred and revenge we chose reconciliation and nation-building.

Nelson Mandela

Was hier Nelson Mandela, einer der wirklich Großen der jüngeren Geschichte, in wenigen Worten zusammengefasst hat, war nicht nur wegweisend für Südafrika nach dem Ende der Apartheid (wie leicht hätte das Land in einem Blutbad aus Rache und Gewalt enden können!), sondern ist zugleich wegweisend für die ganze Menschheit: statt die Menschheit zu spalten und Menschen gegeneinander aufzuhetzen, statt Gräben und Mauern in den Köpfen und an den Grenzen zu errichten, sollten wir alles daran setzen, miteinander zu reden, zu verhandeln, Kompromisse zu schließen und Konflikte friedlich beizulegen. Nicht das Aufstellen von Maximalforderungen führt zu einem für alle Seiten akzeptablen Ergebnis, sondern die Fähigkeit zu Gesprächen auf Augenhöhe und die Bereitschaft zu Kompromissen. Dazu gehört auch, sich in die jeweils andere Seite hineinzuversetzen und Verständnis für ihre Beweggründe zu entwickeln, statt ihr einfach finstere Absichten zu unterstellen. Zwar mag es vereinzelt auch Akteure geben, die tatsächlich böse Pläne verfolgen, aber in den allermeisten Fällen ist das nicht so. Wenn wir uns selbst für die Guten und die anderen für die Bösen halten, sollte das immer ein Alarmzeichen sein und ein dringender Anlass, noch einmal grundlegend über unsere Selbstwahrnehmung und unsere Wahrnehmung der Gegenseite nachzudenken. Ein einfaches Gut-Böse-Schema entspricht selten der Realität. In den allermeisten Fällen ist es ein Zeichen für Selbstgerechtigkeit und ein Denken in Feindbildern.

Worauf es ankommt ist die ganze Menschheit. Nicht egoistische Partikularinteressen, sondern der ganze Planet mit all seinen Bewohnern muss an allererster Stelle stehen. Die Erde ist unser Haus, es ist das Haus aller Menschen. Leider muss man feststellen: es ist in keinem guten Zustand. Es ist ein Haus der Selbstsucht, der Streitsucht und der Gewalt. Nach Jahrtausenden menschengemachten Leids ist es endlich an der Zeit, das grundlegend zu ändern. So wie bisher geht es nicht mehr weiter. Unser planetares Haus braucht dringend eine umfassende Sanierung. Es ist höchste Zeit, daraus ein Haus der guten Nachbarschaft zu bauen.

Ich sehe schon die Zyniker und selbsternannten Realisten vor mir, wie sie ihre Köpfe schütteln und herablassend lächeln über diese „naive Idee“. Aber wenn es nach solchen Leuten gehen würde, hätte es noch nie einen Fortschritt auf geistigem Gebiet gegeben, dann wären wir immer noch rechtlos und würden von einer kleinen Adelsclique beherrscht. Ich weiß sehr gut, dass ein weltumspannendes Haus der guten Nachbarschaft kein leichtes Ziel ist. Vielleicht ist es sogar das schwerste Ziel, das wir uns als Menschen setzen können. Noch unendlich viel schwerer als eine Reise zum Mars oder der Bau von Siedlungen im Weltall. Denn es ist ein Ziel, das von uns verlangt, über unseren eigenen Schatten zu springen. Es verlangt von uns, uns selbst zurückzunehmen. Auch einmal Fünfe gerade sein zu lassen und Kompromisse zu schließen. Das ist etwas, was vielen unendlich schwerfällt. Es ist eine Zumutung. Eine Mühsal. Aber es ist eine Mühsal, die sich lohnt. Jeder Schritt, den wir auf das Ziel zu machen, lohnt sich, auch wenn wir es vielleicht niemals ganz erreichen werden. Und auch wenn uns Rückschläge wieder und wieder zurückwerfen: trotzdem dürfen wir in unserem Bemühen nicht nachlassen, müssen wir es wieder und wieder versuchen. Denn was wir damit gewinnen ist wohl das Größte, was Menschen in dieser Welt erreichen können: ein Haus des Friedens und der guten Nachbarschaft für alle Menschen.

Freilich wird es ein Haus sein, das immer in Gefahr ist, denn die menschliche Natur bleibt immer zwiespältig. Sie hat immer gute und schlechte Seiten, in jedem einzelnen Menschen. Die guten Seiten zu fördern und zu nutzen, während die Schlechten kontrolliert werden — das wird eine niemals endende Aufgabe der ganzen Menschheit bleiben, solange sie existiert.

Worte

Worte sind geduldig. Worte sind noch keine Taten. Handlungen verändern die Welt, Worte allein verändern so gut wie nichts. Erst wenn Worte zu Handlungen werden, wenn sie Menschen dazu bringen, etwas zu tun, erst dann verändern sie die Welt.

Worte sind geduldig. Und der Mensch träge. Er kann große und hehre Worte von sich geben, er kann sagen, was jetzt unbedingt zu tun sei, und trotzdem danach die Beine hochlegen und alles so lassen, wie es ist. Oft denkt er, geredet sei schon so gut wie getan. Dabei ist reden nur der Anfang. Die ganze Arbeit, das Tun, kommt danach. Reden ist leicht, Tun ist schwer. Und weil der Mensch die Mühe oft scheut, belässt er es lieber beim Reden. Das ist viel bequemer. Er zieht das Reden, die Simulation des Handelns, dem tatsächlichen, wirklichen Handeln vor. Reden ist Silber, Aussitzen ist Gold.

Worte sind geduldig. Sie sind wie eine Modelliermasse, aus der man alles mögliche kneten und formen kann. Alle möglichen Vorstellungen, Theorien, Dogmen und Glaubenssätze, gänzlich unabhängig davon, ob sie wahr sind oder falsch. Man kann mit Worten Lügen basteln oder die Wahrheit zum Ausdruck bringen, ganz wie es gefällt. Und man kann mit ihnen nicht nur vortrefflich andere belügen, sondern auch und zu allererst sich selbst.

Worte sind geduldig. Ohne sie hat unser Handeln keine Struktur, keinen Grund, kein Ziel. Zumindest nicht jenseits animalischer Bedürfnisse. Zivilisiertes Handeln basiert auf Worten. Ohne Worte keine Zivilisation.

Worte sind geduldig. Sie warten darauf, dass sie zu Taten werden. Aber oft erfüllt sich ihr Schicksal nicht auf diese Weise. Viele Worte sind wie Samenkörner, aus denen nie eine Pflanze wächst. Und irgendwann ist ihre Zeit vorbei. Egal ob gedacht, gesprochen oder geschrieben, Worte sind nicht für die Ewigkeit gemacht. Sie halten nicht für immer. Irgendwann verschwinden sie im Dunkel der Vergangenheit. Weil sich unter den Nachgeborenen niemand mehr für die Welt der Vorgestrigen interessiert. Oder weil Zivilisationen untergehen und dabei all ihre Worte mit sich in den Abgrund reißen. Gut möglich, dass das Echo ihrer Worte noch immer irgendwo gefunden werden kann, in Form von Inschriften in Stein etwa, oder als Radiowellen, die sich im Kosmos verbreiten. Aber wenn man keinen Schlüssel findet, sie zu verstehen, ist ihr Sinn für immer verloren.

(Zur 26. Weltklimakonferenz in Glasgow – 26mal Worte, Worte, Worte, denen kein angemessenes Handeln folgt)

Neulich am Kiosk

A: Bla bla bla, bla bla, bla bla, bla bla bla, bla bla bla Qualitätsjournalismus bla bla, bla bla bla.

B: Hahahaaa, hahahaaa, hahaaaa, hahahaaa, hahahaaa, prust, grunz, hahahaaa, hahaaaa – Qualitätsjournalismus – hahahaaa, hahaaa – Oh je, keuch, der ist gut!