Verspürt ein Schwein im Schlachthof Angst?

Ich habe einmal einen Film über einen Schlachthof gesehen, in dem gezeigt wurde, wie Schweine getötet wurden. Ein Mann ging mit einer großen Elektrozange in einer Box mit mehreren Schweinen umher, packte mit der Zange ein Schwein nach dem anderen am Kopf und verpasste ihm einen Stromschlag. Die Schweine, die noch übrig waren, drängten sich panisch quiekend am Rand der Box und versuchten, so weit wie möglich von dem Mann wegzukommen. Das Geschrei war ohrenbetäubend, das kann man sich gar nicht vorstellen. Eine barbarische Szene, die ich so schnell nicht vergessen werde. Oder ist „barbarisch“ vielleicht ein unangemessenes Wort? Verspürt ein Schwein im Schlachthof tatsächlich bewusste Angst? Oder ist ein Schwein, wie manche Philosophen meinen, ein unbewusster biologischer Automat, der nur so tut als ob?

Die Vorstellung darüber, inwieweit das Bewusstsein im Allgemeinen und das Ich-Bewusstsein im Besonderen unter den Lebensformen auf der Erde verbreitet ist, hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Noch vor hundert Jahren ist man einfach davon ausgegangen, dass nur der Mensch über ein Bewusstsein verfügt, und dass dadurch dem Menschen eine besondere, hervorgehobene Stellung im Tierreich zukommt. Freilich war das nichts weiter als eine aus den Vorurteilen der damaligen Zeit geborene Ansicht, die einer vorurteilsfreien Betrachtung nicht standgehalten hätte. Die Tatsache, dass auch viele Wissenschaftler diese Ansicht vertreten haben, zeigt nur, dass vorurteilsfreies Denken und Beobachten auch unter Wissenschaftlern nicht selbstverständlich ist. Wissenschaftler sind auch nur Menschen. Sie sind keineswegs unfehlbar. Das Gleiche gilt damit auch für die Wissenschaft. Sie wächst auf dem Boden der Gesellschaft und ist empfänglich für ihre guten wie auch für ihre schlechten Eigenheiten.

Vor einigen Jahrzehnten kam dann der Spiegeltest, und die Vorstellungen insbesondere über das Ich-Bewusstsein wurden revidiert. Man hatte festgestellt, dass sich verschiedene Menschenaffen im Spiegel selbst erkennen und somit über ein Bewusstsein ihrer eigenen Person verfügen müssen. Man hat beispielsweise Schimpansen beiläufig Farbkleckse auf die Stirn gemacht und sie dann vor einen Spiegel gesetzt. Sie haben erkannt, dass das Gegenüber im Spiegel kein fremder Artgenosse war, sondern dass es sich um sie selbst handelte. Sie haben sich im Spiegel selbst untersucht, den Farbklecks auf der Stirn entdeckt und ihn regelmäßig weggewischt. Mittlerweile gibt es entsprechende erfolgreiche Versuche auch mit Elefanten und einer Reihe anderer Tierarten.

Seitdem wird der Spiegeltest oft als ein Test auf ein Ich-Bewusstsein betrachtet. Dabei wird jedoch regelmäßig übersehen, dass das Vorhandensein eines Ich-Bewusstseins alleine noch nicht ausreicht, um den Spiegeltest zu bestehen. Ein Ich-Bewusstsein zu haben ist keine hinreichende Bedingung für das Bestehen des Spiegeltests. Es erfordert neben einem Ich-Bewusstsein zusätzlich ein Mindestmaß an Intelligenz, um aus den Bewegungen und dem Verhalten des Gegenübers im Spiegel darauf zu schließen, dass es sich nicht um einen fremden Artgenossen handelt, sondern um die eigene Person. Wenn man zum ersten Mal im Leben vor einen Spiegel gesetzt wird, muss man zumindest auf phänomenologischer Ebene erst einmal erkennen, was ein Spiegel überhaupt ist. Dafür braucht man eine gewisse Intelligenz, die es erlaubt, zumindest rudimentäre logische Schlüsse zu ziehen.

Deshalb kann das Bestehen des Spiegeltests auch kein notwendiges Kriterium für das Vorhandensein eines Ich-Bewusstseins abgeben. Wäre das Bestehen des Spiegeltests ein notwendiges Kriterium für ein Ich-Bewusstsein, so würde das bedeuten: wenn ein Tier den Spiegeltest nicht besteht, dann hat es auch kein Ich-Bewusstsein. Das kann aber nach dem oben gesagten nicht richtig sein, denn ein Tier kann auch dann durch den Spiegeltest durchfallen, wenn es zwar über ein Ich-Bewusstsein verfügt, aber nicht über die notwendige Intelligenz, in der Situation vor dem Spiegel die richtigen logischen Schlüsse zu ziehen. Das heißt: aus dem Versagen eines Tieres, das sich im Spiegel nicht erkennt, kann man nicht schließen, dass dieses Tier keine wie auch immer geartete Vorstellung von einem eigenen Ich besitzt. Überhaupt ist davon auszugehen, dass es verschiedene Grade und Abstufungen von Ich-Bewusstsein gibt, die sich im Umgang mit der Welt unterschiedlich auswirken, und die daher auch nicht immer auf die gleiche Weise zu erkennen sein müssen.

Wenn das Bestehen des Spiegeltests schon kein notwendiges Kriterium für ein Ich-Bewusstsein ist, ist es dann wenigstens ein hinreichendes Kriterium? Genau genommen ist es auch das nicht. Denn es braucht nicht unbedingt ein Bewusstsein, um den Spiegeltest zu bestehen. Rein theoretisch könnte man auch eine unbewusste Maschine konstruieren, die den Spiegeltest erfolgreich absolviert. Der Spiegeltest ist eher ein hinreichendes (und notwendiges) Kriterium für eine bestimmte Form von Intelligenz, denn ohne die Fähigkeit zu logischen Schlüssen läuft vor dem Spiegel nichts. Es handelt sich also in erster Linie um einen Intelligenztest, den man bestenfalls als Indiz für ein Ich-Bewusstsein ansehen kann, aber keinesfalls als hinreichendes oder gar notwendiges Kriterium.

Das ist auch kein Wunder, denn wir können aus erkenntnistheoretischen Gründen niemals sicher wissen, ob ein anderes Lebewesen (und sei es ein Mensch) über ein Ich-Bewußtsein verfügt oder nicht. Es kann diese Gewissheit einfach nicht geben. Mit dieser prinzipiellen Unsicherheit müssen wir leben. Auch der Spiegeltest kann diese nicht aushebeln. Das heißt aber nicht, dass andere Lebewesen nicht über ein Ich-Bewußtsein verfügen. Es heißt nur, dass wir die Frage nicht mit Sicherheit entscheiden können. Trotzdem können wir eine begründete Annahme treffen, die bei Berücksichtigung aller Gesichtspunkte als die Vernünftigste erscheint.

Schließlich und endlich muss man betonen, dass der Spiegeltest überhaupt nichts darüber aussagt, ob ein Tier zu bewussten Wahrnehmungen und Empfindungen fähig ist oder nicht, was von der bewussten Wahrnehmung des eigenen Ich noch einmal zu unterscheiden ist. Ein Hund, der in seinem eigenen Spiegelbild nur einen Rivalen erkennt, den er anbellt, hat vielleicht kein Ich-Bewusstsein, vielleicht doch. Das lässt sich nicht entscheiden. Aber selbst wenn ersteres richtig ist, bedeutet das nicht, dass der Hund ein empfindungsloser Automat ist, der zwar jault, aber keine Schmerzen spürt, wenn man ihm auf die Pfoten tritt. Das Gleiche gilt auch für einen menschlichen Säugling, der sich im Spiegel genausowenig erkennt wie der Hund. Trotzdem gibt es keinen vernünftigen Grund, davon auszugehen, dass der Säugling ein bewusstloses Etwas ist.

Die Vorstellung von Descartes, der die Vivisektion, also das Zerschneiden von Tieren bei lebendigem Leibe, als Hobby betrieben und das Schreien eines Tieres bei eben dieser Prozedur mit dem Quietschen eines schlecht geölten Rades verglichen haben soll, habe ich schon immer für völlig absurd gehalten. Wir können aus erkenntnistheoretischen Gründen zwar nicht beweisen, dass ein Tier ein Bewusstsein hat, aber wir können auch nicht beweisen, dass das Gegenteil richtig ist. Wenn ein Schwein im Schlachthof alle Anzeichen von Angst und Panik zeigt, wenn seine Artgenossen neben ihm nacheinander mit Stromstößen traktiert werden, dann gehe ich davon aus, das dieses Schwein die Situation bewusst erlebt und dabei echte Angst empfindet. Nicht viel anders als ein Mensch, der sieht und miterlebt, wie um ihn herum Menschen getötet werden.

Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum nur der Mensch über ein bewusstes Empfinden verfügen sollte. Bewusstsein kann sich im Rahmen der Evolution nur entwickelt haben, wenn es eine Funktion erfüllt (oder einmal erfüllt hat), die sich positiv auf die Anzahl der Nachkommen auswirkt. Es ist kaum anzunehmen, dass sich das Bewusstsein erst mit den Primaten oder gar erst mit dem Menschen entwickelt hat. Es ist eher zu erwarten, dass es sich um eine sehr alte, schon lange vorher entstandene Gehirnfunktion handelt, die zumindest im Tierreich weit verbreitet ist.

Wenn wir also das nächste Mal mit einem Tier zu tun haben, sollten wir davon ausgehen, dass es bewusst erlebt, was wir mit ihm tun. Und wenn wir mal wieder ein Schnitzel auf dem Teller haben, sollten wir vielleicht einmal daran denken, dass ein Schwein nicht nur ein Haufen aus Fleisch und Knochen ist, sondern ein bewusst wahrnehmendes und empfindendes Lebewesen.